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Da real kids in da real hood

Ein Ghetto-Bericht mit peinlichem Titel

von Kwek Meyer

„…Deiner Mutter in den Arsch…deiner Mutter in den Arsch“ tönt es, unterlegt von hammernden Beats, aus einem offenen Fenster im zweiten Stock, während ich gerade im Garten damit beschäftigt bin, die Wäsche abzunehmen. Tja, so ist das halt hier – im Problemviertel, im Ghetto – wo jene wohnen, die so wenig zu verlieren haben, dass ihnen selbst die schlimme Musik, die sie hören müssen, egal ist. Die Chance, heut noch ausgeraubt oder von Jugendbanden verprügelt zu werden ist ziemlich hoch. Ich höre Sirenengeheul und hoffe, dass es mich heute nicht erwischt. Denn man kann um jeden Tag froh sein, den man in dieser Gegend überlebt. 

Alles Quatsch. In Wirklichkeit hänge ich (meine Wäsche) fein spießbürgerlich in einem langweiligen Studentenviertel ab, in einer Stadt, in der langweilige Leute langweilige Dinge tun. Die Sirene gehörte zu einem ganz normalen Krankenwagen, wahrscheinlich auf dem Weg zum Altenheim nebenan, vor dem die Gangs immer rumlungern. Nein, schon wieder gelogen. Herumhängen tun davor nur Gangs von Opis mit Zigarren, die mit verwirrtem Blick das (für sie wohl spannende) Geschehen auf der Straße verfolgen.

Der Grund, warum sich ein weißes Mittelstandskind wie ich einbildet, im härtesten Kiez zu wohnen ist der neue Hausbewohner, aus dessen Fenster der Gangsta-Rap schallte. Er wohnt zusammen mit einem Punk, doch die sind ja bekanntlich nicht so spannend. Nein, der Neue, haltet Euch fest, ist ein Schwarzer! Ich habe lange recherchiert, ja, „Schwarzer“ ist eine vollkommen korrekte Bezeichnung. In seiner Eigenschaft als Mensch mit dunkler Hautfarbe bietet er eine prima Projektionsfolie für Menschen wie mich. Ich habe nämlich noch nie direkt unter einem Schwarzen gewohnt. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: ich bin weder Rassist noch freue ich mich an romantisierendem Multikulti-Kitsch. Jegliche Arten von Zuschreibungen sind mir völlig fremd. Naja, fast alle. Es hätte genauso gut ein Türke sein können. Aber ein Schwarzer ist natürlich besser. Hier in dem Viertel, wo sonst kaum Schwarze wohnen, weil die blöden weißen Studenten (wie ich) unter sich bleiben wollen, die Mieten in die Höhe treiben und alle Ausländer verdrängen! Ist natürlich auch Unsinn. Niemand verdrängt hier wen, glaub ich. Höchstens so ostdeutsche Spießer haben kein Geld und keine Lust mehr, hier zu wohnen. Aber um die ists ja auch nicht so schade, denke ich. Können ja zurück in ihren Plattenbau. Ach, da hab ich schon wieder was gesagt.

Wie auch immer, zurück zum Schwarzen. Kurz gesagt, geht es mir darum, mir meinen kosmopolitischen, urbanen Lifestyle herbeizuhalluzinieren, der noch nicht perfekt ist. Neben ner Menge Bars und Cafes, Laptopmenschen und Hornbrillenfrauen draußen sowie minimalistisch eingerichteten Altbauwohnungen, Plattensammlung, iPod, engen Hosen und sonstigem Langweiler-Kram drinnen, fehlte eben noch was. Um als weltgewandt gelten zu können braucht es das Abgewrackte, das Authentische, das Subkulturelle und vor allem: das Internationale. Punks und Leute mit Dreadlocks wohnen ja auch nicht mehr in besetzten Häusern – zumindest nicht hier. Und Dönermänner sind schon ziemlich von gestern. Der Schwarze oben drüber hingegen – das ist Bronx und brennende Mülltonnen, Schießereien, HipHop-Battles, Kopftücher, Knarren, Messer, Drogen, nackte Frauen, geile Autos – halt das ganze coole Zeug aus der Glotze. Also – ihr seht ja – Zuschreibungen sind irgendwie doch mein Ding, aber der Unterschied ist: Ich behalts für mich. Na gut, neulich kamen G-Flow (so nenne ich ihn, aber wahrscheinlich heißt er Stefan) und seine Homies (auch schwarz!) mir auf der Treppe entgegen,  und ich grüßte mit „Aaalteerr, alles fett?“ und wir tauschten dicke Props und verwirrende Begrüßungsrituale. Was soll ich sagen – stimmt natürlich nicht, das käme mir nie in den Sinn. Meiner Meinung nach ist es nur meine Psyche. Ich glaube, ich sublimiere mit der Vorstellung, in einer abgefahrenen Hood zu wohnen meine Furcht angesichts der Vorstellung tatsächlich in einem Problembezirk wohnen zu müssen – und nicht mehr im weichgezeichneten Becks/StuckanderDecke/Seitenscheitel-Streichelzoo.

Mit einem Schwarzen als Nachbarn können Langweiler wie ich sich einreden, hip zu sein, „Realness“ erfahren, obwohl man in der Uni gelernt hat, dass es so was gar nicht gibt. Der Schwarze ist der Fremde und damit der Coole. Das ist positiver Rassismus und kulturelativistisch und eurozentrisch und was weiß ich, was für ein Vokabular von sich selbst gelangweilte Studenten in Seminaren ausspucken. Da mach ich doch nicht mit, bei dem Zeug da. Solange ich ihn nicht anspreche, oder ihn dafür lobe, wie fresh seine neuen Baggys sind und wie gut ihm das Basketball-Trikot steht – solange bleibt das meine Sache. Andere können darüber denken, was sie wollen – ich für meinen Teil werde demnächst einfach mal eine Mülltonne aus Metall in den Garten stellen. Mal sehen.