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Der analoge Konservatismus

Anmerkung: Eine gekürzte Version dieses Artikel erschien in der Print-Ausgabe der ZEIT Nr.49 vom 27.11.08 in der „Widerspruch“-Rubrik auf Seite 15. Der Titel wurde geändert in Web Web Hurra.

 

Eine Entgegnung auf eine Kulturpessimistin

In der ZEIT Nr. 48 vom 20.11.08 erschien im Politikteil ein Artikel, der in dieser Weise nicht unkommentiert stehen gelassen werden darf. Der Text trägt den Titel „Die digitale Erlösungslehre“ und setzt sich zum Ziel, die angebliche Verführung durch das Internet und deren schlimme Folgen für die Gesellschaft aufzudecken.

Die Autorin Susanne Gaschke bescheinigt jenen, die von ihr als „Digitalisten“ bezeichnet werden, eine Nähe zu Ideologien wie dem Marxismus und Heilslehren wie dem Christentum. Belege dafür findet sie in der Rede von einer „neuen Kulturtechnik“ oder im „jugendlichen Sturm und Drang“, welcher die „Bewegung“ in erster Linie voranbringe, oder gar im „komplexen Vokabular“, wofür als Beispiele „Web 2.0“, „bloggen“ und „googlen“ genannt werden. Außer Frage, dass diese durchaus nur einer kleinen, verschworenen Gemeinschaft zugänglichen Codewörter in der Tradition des „Siebziger-Jahre-Marxismus“-Sprechs stehen und ebenso wie dieser die Intention in sich tragen, einen „neuen Menschen“ zu kreieren. Dabei stehen die Gegner natürlich fest: das große Ziel der „Digitalisten“ sei es, Kulturkonservative, Traditionalisten und Bildungsbürger zu besiegen, „deren“ Bildung auf ein Minimum zu reduzieren, ihre Kanon-Werke durch die unaufhaltsam walzende Computerisierungsmaschinerie zu treiben und die übrig bleibenden Bröckchen in Rap-Texten für die ohnehin dummen und verblödeten Internet-Nutzer zu verwursten. Jegliche Erkenntnisse der Forschung, die besondere Kommunikationsfähigkeiten und Flexibilität bei Jugendlichen festgestellt haben, werden als „Ergebenheitsbekundungen“ an die neue „Ideologie“ diskreditiert, jede Aneignung des Netzes der sogenannten „E-Generation“ mit „kommerziellen Verwertungsinteressen“ identifiziert. Doch damit nicht genug, macht die Autorin doch ein „ähnliches Denken“ im „real life“ aus, welches sich insbesondere im Bildungssystem und in der Erziehung niederschlage, wo doch tatsächlich, unglaublicherweise die Autorität des Lehrers hinterfragt werde und „das Kind sowieso alles aus sich selbst heraus entfalten“ solle; ja, wo sogar die gute alte Institution Schule als solche kritisiert werde und – man überlege sich das mal – auch Computerprogramme als geeignet angesehen würden, den Kindern Bildung zu vermitteln!

Auch wenn es die Autorin nicht wahrhaben will und explizit von sich weist: Die Zuschreibungen, die Susanne Gaschke in Bezug auf Befürworter einer aufgeklärten digitalen Kultur vornimmt, lassen sich – böse gesprochen – nur als eine Reaktion einer verbitterten Kulturpessimistin lesen, die mit ansehen muss, wie ihre geliebten bildungsbürgerlichen Kulturgüter langsam aber sicher nicht mehr den Stellenwert zugebilligt bekommen, der ihnen lange eigen zu sein schien. In ihrem Artikel drückt sich eine Angst aus, nämlich die des verschwindenden kulturkonservativen Milieus vor den Barbaren da draußen, die nun mit Hilfe der Technik dazu in der Lage sind, sich kulturelle Praktiken und Wissensbestände anzueignen, auf welche zuzugreifen vorher ein Exklusivrecht und gleichzeitig die Konstitutionsgrundlage dieses elitären Milieus bedeutete. In der Abwehrhaltung gegen eine digitalisierte Welt objektiviert sich eine verzweifelte Strategie gegen die sich abzeichnende Abwicklung der eigenen, bildungsbürgerlichen Basis und Praxis. Dass dabei die „Digitalisierung“ der klassischen Institutionen, in denen ein entsprechender Habitus vermittelt werden sollte, als dringendste Bedrohung empfunden wird, ist evident. Die dagegen vorgebrachten Argumente wirken vor diesem Hintergrund nur noch wie eine billige Abwehrreaktion gegen das „Neue“ und „Fremde“. Es wird übersehen, dass sich beispielsweise auch die Schüler vor 20 Jahren schon nur unfreiwillig die Klassiker des deutschen Bildungsbürgertums zu eigen machten. In der normativ-bewahrenden Sicht der Autorin stellen die Internet-Rezipienten nur Reagierende dar, deren freie Assoziationsfähigkeit ausgeschaltet sei, sobald der seit Jahrzehnten immergleiche Input fehle. Doch gerade beim Internet ist das Gegenteil der Fall. Die Partizipationsmöglichkeiten vorher exkludierter Schichten an demokratischen Kommunikationsprozessen erhöhen sich gerade in Zeiten von Web 2.0 enorm - und nur weil die Autorin nicht weiß, was Web 2.0 bedeutet, ist die Konotation nicht notwendigerweise negativ; gerade im Hinblick darauf, dass in ihrem Artikel Benjamin Barber zitiert wird, der wohl im Internet auch Anknüpfungspunkte zu seiner fast schon Habermas’schen Theorie einer demokratischen, zivilgesellschaftlichen Kommunikation und Partizipation unter Gleichen finden würde, wenn er wüsste, wovon er redet.

Nur weil sich die „Interessen, Rezeptionsweisen und Meinungen“ der digitalen Generation heute erheblich von denen der Älteren unterscheiden, ist dies kein Grund eine Abwertung vorzunehmen oder regressive Entwicklungen zu diagnostizieren. Interessengebiete wie Literatur und Gartenpflege wurde eben ersetzt durch Popmusik und Skateboardfahren – und Gaschkes Klage über die Zunahme von Computerthemen im Internet ist ähnlich sinnvoll, wie sich über Literaturhinweise in Literatur zu echauffieren. Im Web 2.0 hat jeder (zugegebenermaßen nur jeder mit Internetanschluss) die Möglichkeit, unabhängig von zeitlichen oder räumlichen Determinanten, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wo die Autorin das Abnehmen der „realen Dialoge“ beklagt, verkennt sie, dass solche Diskurse, sei es face-to-face oder im Feuilleton, immer nur einer kleinen Gruppe vorbehalten war. Dem Internet ist zu verdanken, dass nun auch jene ihre Meinung öffentlich machen können, die vorher nicht dazu in der Lage waren. Dass dies nun nicht immer ästhetisch und politisch korrekt vor sich geht, sowie die Tatsache, dass jeder, sei es mit noch so geringem Bildungsstand, Kommentare verfassen kann, scheint der Grund für Gaschkes Sorge über die zunehmende „Verblödung“ zu sein. Denn Äußerungen jener Menschen, denen man gemeinhin ein geringes kulturelles und soziales Kapital zuschreibt, werden nun objektiv und öffentlich – es wird das sichtbar, was vorher unsichtbar und trotzdem existent war.

Man kann sich darüber aufregen, dass die „Digitalen“ ihre Zeit lieber mit Computerspielen verbringen, als mit der Lektüre klassischer Werke – ihnen aber „Dummheit“ zu unterstellen stellt eine unzulässige Aufwertung einer Hochkultur dar, die im Zeitalter der Kontingenz kultureller Praktiken nichts weiter als ein Partizipationsangebot unter vielen sein kann. Dass das Internet die Vormachtstellung dieses angeblich gesetzten Kanons nivelliert, sollte als positive Entwicklung begriffen werden – weg von staubigen Plädoyers und Eingrenzungen akzeptierbarer Kultur, und hin zu einer sich im Anfangsstadium befindlichen Entwicklung, die nicht als Bewegung oder Ideologie gedacht werden kann, sondern als quasi-basisdemokratischer Aneignungsprozess digitaler Medien durch alle Bürger. Wenn es der Autorin des ZEIT-Artikels tatsächlich um die Vermittlung eines bewahrenswerten Wissens an möglichst Viele geht, wenn also nicht der Habitus und der bornierte Lebensstil eines unzeitgemäßen Bürgertums im Vordergrund steht, dann muss sie akzeptieren, dass es das Internet als neue Kulturtechnik tatsächlich wert ist, von allen erlernt zu werden, denn kein anderes Medium ist in der Lage, das gesamte Wissen der Welt in dieser Weise aufzunehmen. Sollten die Klassiker in dieser Gesamtheit tatsächlich den postulierten Stellenwert besitzen, werden sie auch in Zukunft – vielleicht als e-book – in den Listen des Web 2.0 an vorderster Stelle stehen und über die Tauschbörsen verbreitet werden. Wobei die „Dialektik der Aufklärung“ als Ballerspiel sicherlich auch Spaß bereiten würde.

Maximilian Haase

  1. Hmm, bin hier gerade hin verlinkt worden und muss zugeben, dass auch mich der zu Anfang meist klare und sichere, in der Wertung oftmals sinnfrei polemische Stil in den Texten von Frau Gaschke stört. Aber ich denke auch, dass gerade dies sie als Autorin erfolgreich macht :) Schlimmer finde ich die nebulöse Nutzung von „Kommunismus“-Vokabular, um eine schlichte Technik zu diskreditieren, die erst einmal nur Fakt ist. Über deren Grenzen und Gesetze man aber gerne offenen reden kann. Ich denke, es ist eher Angst, die aber auch berechtigt sein kann – wenn man über die Gründe offen spricht, statt sie mit Floskeln über Kultur zu-zudecken.