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Der Sprung ins kalte Wasser

Wächterhäuser – Nische oder Konzept gegen den Leerstand im Altbau

Eine Reportage aus Leipzig

Der Wind nagt am Eckhaus zwischen Karl-Heine- und Zschocherscher Straße. Lange hat keiner einen Fuß ins Haus gesetzt. Nur auf den zweiten Blick kann man die schönen Details der alten Fassade erkennen. Draußen donnern die Straßenbahnen über die Kreuzung, Fahrräder rollen, die Ampel zeigt grün, die Autos rauschen vorbei. Im Felsenkeller gegenüber wuselt es- Erotikmesse. Hier ist es still. Keiner nimmt Notiz. Seit Jahren.

Dieser verfallende Altbau ist kein Einzelfall. Bevölkerungswandel, Abwanderung, 45 000 leerstehende Wohnungen allein in Leipzig, drei Viertel davon sanierungsbedürftig. Langjähriger Leerstand und Verfall prägen das Bild der Stadt, nicht zuletzt seiner Hauptverkehrsstraßen.

Im Oktober 2004 schlossen sich u.a. Geographen, Stadt- und Regionalplaner, Bauingenieure und Landschaftsplaner zum Verein Haushalten e.V. zusammen. Ziel des Vereins ist es, städtebaulich und baukulturell bedeutsame Gebäude, die vom Abbruch bedroht sind, zu erhalten. Sie sind dabei die Vermittler auf dem Weg zu neuen unkonventionellen Nutzungen, die das Potential haben, Stadtteile neu zu beleben. „Viel Fläche für wenig Geld“ ist offizieller Slogan und Anreiz für neue Projekte und Bewohner. Diese werden „Wächter“ für eine begrenzte Zeit und verantwortlich für Sicherung und Werterhaltung der gefährdeten Altbauten. Die Preise auf Seiten der Nutzer liegen jenseits derer des üblichen Mietmarktes und zwischen dem Verein, den Hauseigentümern und den Projektverantwortlichen vertraglich geregelt. Auch die Eigentümer profitieren von der Neubelebung und der damit verbundenen Wertsteigerung, die auch den späteren Wiederverkauf und die damit verbundene Vermietung begünstigen. Ein Kompromiss auf Zeit.

Die Einrichtung wirkt auf den ersten Blick minimalistisch: weiße Wände, eine Theke, drei Tische mit Sesseln. Nach und nach aber entdeckt der hungrige Besucher immer mehr liebevolle Details: an einigen Ecken des Raumes sind die Ziegelsteine noch zu sehen, dort wo zwei fehlen leuchten Teelichter. Hinter der Theke ist die Wand mit einem kleinteiligen Mosaik in monochromen Farben geschmückt. Nach dem Eingang läuft man ein paar Schritte über den alten Fliesenboden, der als Weg zur Küche führt. Zwei der Gäste erkundigen sich prompt nach der grünen Eingangswand. „Erst weiß streichen als Grundlage, dann immer so abrollen und wieder neu ansetzen, so entsteht die Struktur“, erklärt einer der Betreiber geduldig. Fünf Monate Renovierungsarbeiten stecken im Laden. Eine Wand ist herausgerissen, ein Fußboden auf zweiter Ebene eingebaut, die Wände sind völlig neu gestaltet und die Bedingungen für die Küche mussten auch erst geschaffen werden. Die Arbeit ist nicht unbemerkt geblieben. Mehr und mehr Blicke ziehen die Renovierer und ihr Haus auf sich, als sie im Sommer auch einige Stunden mit Pausen vor den Fenstern auf der Straße verbringen. Die Veränderungen werden im Stadtteil wahrgenommen. Jeder der vorbei läuft, kann mitverfolgen, wie etwas Neues entsteht. „Das war die beste Werbung“, davon sind alle überzeugt.

Und das, obwohl der Anfang schwer war. Der Ladenraum an der Ecke ist schon anderweitig vergeben, als die HobbyköchInnen, die sich bisher nur auf Konzerten und Festivals mit ihrer veganen Kost ausprobiert hatten, darauf aufmerksam werden. Ein Café sollte entstehen, nur weil die zukünftigen Schweizer Betreiber abspringen, können die vier eine spontane Idee verwirklichen. „Wir hatten einfach Glück“ erklärt Kristoff Liebers und meint den offiziellen Weg der Raumfindung, der sich normalerweise schwieriger gestaltet.

Wenn ein Nutzungskonzept geboren ist, wird es zunächst dem Haushalten e.V. vorgestellt. Dieser entscheidet dann, ob er die Umsetzung unterstützt, indem ein geeigneter Raum in einem der geplanten Wächterhäuser zur Verfügung gestellt wird. In der Regel wird dann ein Nutzungsvertrag für fünf Jahre geschlossen, wobei dem Eigentümer schon vor Ablauf der Frist ein Verkauf erlaubt ist. Eine Mieterhöhung ist dann oft die Folge. Das Eckhaus an der Kreuzung Karl-Heine und Zschochersche Straße gehört der LWB, welche eine rein gewerbliche Nutzung zur Bedingung macht. Hier beleben seit der Übergabe ein Laden für indische Spezialitäten, die Kerzenwerkstatt „Lichtbringer Company“, ein Möbeldesigner, ein Yoga-Zentrum, bildende und darstellende Künstler gemeinsam mit dem veganen Imbiss das Haus.

In jeweils eigenen Verträgen sind immer die Pflichten der Eigentümer und die der Nutzer festgehalten. Ein gewisser Grundstandard, wie der Anschluss an Wasser und Strom und die baustrukturelle Sicherheit, müssen gewährleistet sein. Der gesamte Umbau bis zur tatsächlichen Nutzbarkeit muss in Eigenleistung der zukünftigen Betreiber erfolgen. Haushalten e.V. hilft mit der Bereitstellung von Werkzeugen und Informationen.

„Der Sprung ins kalte Wasser“ für Kristoff und die drei Mitstreiter, die nicht ahnten, was auf sie zukommen sollte. „Wir waren vorher arbeitslos“, nach und nach nahm die zunächst spontane Idee des eigenen Imbiss Form an. Ein provisorisches Konzept für die „Vleischerei“, der Umbau des Raumes mit geliehenen Werkzeugen, die Anschaffung der Küchengeräte u.a. bei eBay, Hilfe von Freunden und vom Verein und schließlich die Eröffnung, die Abnahme durch die Hygiene, die Einarbeitung in die Buchhaltung, die Regelung der Arbeitszeiten.

Nach fünf Monaten harter Renovierungsarbeit, Ablauf- und Geschäftsplanung in Eigenorganisation, steht die große Verantwortung der neuen Selbständigkeit vor ihnen. „Es ist stressig aber auch schön, so ohne Chef“ gibt Kristoff zu, trotzdem mussten die vier vor kurzem zum ersten Mal 7-Stunden-Schichten einteilen. „Reich wird man hier nicht“, sagt er mit einem Lächeln. Doch seine Freude am Projekt ist deutlich sichtbar. „Eine echte Marktlücke“ ist das bewusst vegan-vegetarische Bistro. Der Grundsatz, die kleinste Gruppe nicht zu benachteiligen steht hinter dem zunächst noch kleinen kulinarischen Angebot. Auch für „Fleischfresser“ sei der vegane Döner „Vöner“ eine nette Abwechslung, weiß Kristoff. Und dieses etwas andere Konzept kommt an.

12 Wächterhäuser, davon 10 im Leipziger Westen, sind längst kein verlassenes Kleinod mehr. Sie stehen vielmehr für kulturelle Vielfalt und langfristige Neubelebung, strahlen positiv auf ihr Umfeld aus. Auch wenn der Verein Haushalten e.V. keine Kapazitäten hat, das Konzept großflächig zu verwirklichen, wird hier zur Revitalisierung der Stadtviertel beigetragen.

Erst kommen die Schritte zurück. Behutsame. Irgendwann Stimmen und mit ihnen stärker werdendes Klopfen, Hämmern, Bohren. Dann geht das Licht an. Es dampft und brutzelt, es ist gemütlich geworden. Neben der kleinen Stehlampe aus Oma Zeiten lässt es sich entspannt auf leckere Burger warten während der Blick die Straße streift.


Von Marie Kasper, Sarah Heuer, Kristin Bianchi


  1. [...] alte Nachbarschaft Es ist schon witzig einen Artikel über ein Haus zu lesen, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft ich drei Jahre lang gewohnt habe. Wenn ich die Beschreibung lese: Der Wind nagt am Eckhaus zwischen Karl-Heine- und Zschocherscher Straße. Lange hat keiner einen Fuß ins Haus gesetzt. Nur auf den zweiten Blick kann man die schönen Details der alten Fassade erkennen. Draußen donnern die Straßenbahnen über die Kreuzung, Fahrräder rollen, die Ampel zeigt grün, die Autos rauschen vorbei. Im Felsenkeller gegenüber wuselt es- Erotikmesse. Hier ist es still. Keiner nimmt Notiz. Seit Jahren…” Hier geht es weiter… [...]