Ein Plädoyer
Er ist ein Held meiner Jugend. Das was Dirty Harry für meinen älteren Bruder war und John Wayne für meinen Vater. Nur hat er im Vergleich zu den anderen beiden einen Fehler: Er hat nie nur als Fiktion funktioniert. Er war und ist immer ein Stückchen der Wirklichkeit und das ist das Schlimmste was einem Superhelden passieren kann. Drei Mal hat sich die Weltgeschichte dafür an ihm gerecht. Einmal hätte sie noch die Chance. Vielleicht ist sie diese Mal gnädiger. Denn auch er ist versöhnlicher. Er ist ein Stoiker mit Maschinengewehr geworden. Er ist immer noch John Rambo.
Man müsste ihm kein Plädoyer schreiben, wäre er einfach nur Sylvester Stallone, der John Rambo spielt. Aber er ist ein Zeichen. Mehr noch. Er ist, was Roland Barthes den Mythos nennt und gleichzeitig zerlegt er dessen poststrukturalistischen Begriff. Entgrenzung durch Wirklichkeit. Der Mythos, der ewig ausgeschlossen bleibt, den aber doch jeder kennt. Er bleibt der Unverstandene, an dessen Deutung sich die Gesellschaft jedes Mal selber erhängt. Er ist der Archetyp des Männlichen und des Scheiterns. Das passt nicht zusammen. Das ist nicht unsere Tradition. Er hat sich eingesetzt und war verloren. In epischer Größe, niemals die Lichtfigur, sondern immer am Abgrund seiner selbst.
Er war in Vietnam, kam zurück und wurde verhöhnt. Er ging wieder. Er befreite andere, die zurückgingen. Er selber hat es sich erspart. Dann in Afghanistan. Da konnte er schon nicht mehr zurück. Zuletzt war er in Burma. Und schließlich doch Rückkehr: in die Einsamkeit aus der er einst kam. Die aber schwankt zwischen Grab und Refugium. Zum Schluss ein Abspann, der schon einsetzt, bevor Rambo überhaupt angekommen ist. Wieder wird er überrollt. Aber dieses Mal kann er damit umgehen. Er hat aufgegeben, was er sein sollte, um bei sich selbst zu sein.
Was aber macht ihn nun zum Helden? Der Typ, der scheinbar immer auf der falschen Seite fürs „Gute“ gekämpft hat, um von irgendwem Anerkennung zu erhalten. Das Abstraktum: Ich kämpfe für mein Land. Zuletzt hat er es abgelegt und eingetauscht, für: Ich kämpfe für Menschen, die sich selber überschätzt haben, gegen andere Menschen, die sich auch selber überschätzen. Der Blick ist dabei trauriger und verwässerter. Denn es gibt kein Gut und kein Böse mehr mit klaren Trennlinien. Rambo weiß um die Abgründe der Menschen. Er ist schließlich selber einer. Es gibt nur noch den alten Mann, der auf seinem Kahn gleichermaßen an Bogart und an Hemingway erinnert. Ohne Superkräfte, erschöpft, mit der Coolness einer Betonwand, den Drang irgendwie das Leben spüren zu müssen. Nur weiß er nicht wohin mit sich selbst und der Welt. Das ist die Referenz, die er setzt. Das ist die Einmaligkeit. Er hat keinerlei Identifikationspotential. Wer will sich schon mit jemandem identifizieren, der bei fast allen fragwürdigen militärischen Interventionen mitgemacht hat? Und von dem keiner mehr weiß, außer das er eine „Killermaschine“ ist. Selbst der „Terminator“ hatte mehr Geschichte. Aber für Rambo ist die Fragmentierung vollkommen ausreichend. In den vier Ausschnitten, die wir sehen, ist mehr Mensch und Entmenschlichung, werden mehr grundlegende Fragen gestellt und Lösungen gezeigt, als die Filme es sich selber eingestehen können.
Die eigene Armee, die Bürger seiner Heimat, die Jungs in thailändischen Boxschuppen, christliche Fundamentalisten, russische Kommunisten, ja selbst andere Söldner, keiner hat ihm je den entsprechenden Respekt bzw. Dank gezollt. Rambo war immer schon der Stille und der Genügsame. Er ist nur im Krieg ausgebrochen. Und Krieg versteht keine Worte, nur Opfer. Es war ein Krieg gegen Totalitarismus, Terroristen, die eigene Gesellschaft, Mörder, Korruption und nicht zuletzt auch gegen sich selbst und das hat auch ihn als Opfer gefordert. „Alter Mann“, so nennen sie Rambo jetzt, der dieses Mal nicht der halben Welt den Arsch rettet, sondern nur einer Handvoll Leute. Und dann verschwindet er, in schlecht sitzenden Jeans ins Nirgendwo.
Ein paar Kriege hat man ihm dennoch erspart. Golf I und II, den Balkan, Somalia, Nicaragua. Gott sei Dank. Die Geschichte wäre auch hier gnadenlos mit ihm umgegangen und aller Humanismus der sich so verquer in John Rambo äußert, wäre wieder umsonst gewesen.
John Rambo ist John Rambo ist John Rambo. Er ist eine Woyzeckfigur. Und gleichzeitig könnte er den Gegenpart zur Mutter Courage spielen. Eben in vier Akten. Er steht nicht mehr mit dem größten Gewehr und tötet „die Bösen“. Er kann die Waffe für den finalen Showdown des letzten Teils nicht mal selber halten, er kann sie kaum kontrollieren. Ein Klumpen Fleisch, hinter einer Maschine versteckt, der sich das letzte Mal selber entmenschlicht, zum Wohle anderer Menschen.
Am Ende hebt er die Hand zum Gruß, ob er den Frieden findet, den er immer gesucht hat ist fraglich. Aber er ist Fleisch geworden. Das muss genügen.
Hacks Maase




