oder Ist eine bessere Welt mit gentrifizierten Handelsketten möglich?
Es gab einmal eine Zeit, in der man sich nicht als Aldi-Einkäufer outen konnte, ohne sich der abschätzigen Blicke und mitleiderfüllten Beileidsbekundungen der Gesprächspartner sicher sein zu können. Diejenigen, denen man diese Information oft lapidar im Gespräch mitteilte, waren nämlich leidenschaftliche Tengelmann-Käufer und damit die geistigen Brandstifter der Bionade-Spießer in den Studentenvierteln unserer Städte. Aldi galt als Inbegriff und Lebensmittelpunkt eines intellektuell sowie finanziell minderbemittelten Milieus, das man nie sein wollte und – was ein Glück – auch nie sein würde, denn die Altbauwohnung in St.Pauli oder Düsseldorf (Prenzlauer Berg war damals zu dreckig) und die Cafes mit all den schönen Menschen darin würden einem schon helfen, niemals diesen Point-of-no-Wiederaufstieg zu erreichen. Dazu gehörte natürlich einiges an Eigeninitiative, zum Beispiel den verpönten Aldi-Markt und seine asozialen Kunden zu meiden.
Dann wurde alles anders. Menschen, die eben noch ihre letzte Scheu vor der elterlichen Bürgerlichkeit in einem Akt der Selbstbefreiung gleich einer falschen Haut abgeworfen hatten, standen nun verstört und fassungslos vor den geschlossenen Tengelmann-Filialen. Existenzielle Ängste breiteten sich aus – es roch nach Abstieg und kleinen Wohnungen am Rande der hippen Viertel. Doch der Distinktionswille war zu stark. Mittlerweile kauften auch die Künstler, deren Lebensentwürfe man zwar für zu chaotisch hielt, die aber dennoch das Leitbild stellten (kreativ, hip, cool), bei Aldi ein. Auf einmal galt es als okay, dort einzukaufen, niemand beschwerte sich, wenn man sagte, dass man „noch mal kurz zu Aldi“ gehe. Was früher mancherorts WG-Ausschluss bedeutet hätte, war jetzt ein akzeptabler Way of life. Aldi wurde gentrifiziert. Spätestens als die Supermarktkette ihr altes Image vom Unterschichten-Versorger, also der Projektion RTLs in den Lebensmittelsektor, abgelegt hatte und selbst Bio-Produkte und ein Bionade-Imitat im Sortiment zu finden waren – spätestens dann krochen auch die Bionade-Biedermeier-Menschen aus ihren Ökoläden und Cafes direkt in den Hipness-Tempel Aldi (als These am Rande sei die Anmerkung gestattet, dass mittlerweile eine neue Spießerbewegung existiert, derer einziger Lebensinhalt es ist, Menschen als „Bionade-Biedermeier“ zu denunzieren).
Nun da Aldi mittlerweile ein yuppiesiertes Mittelschichts-Studentenimage hat, schwenkt der Blick auf neue potentielle Objekte, aus denen das abgehängte Prekariat vertrieben werden sollte. Schlecker ist auf dem Sprung und KiK als das Marzahn der Branche hoffnungslos verloren. Wollen wir bei dieser unlustigen Analogie bleiben, dann richtet sich unser aufwertungsfixiertes Auge sofort auf das Neukölln des Handelsketten-Sektors: McGeiz. Vor allem in Ostdeutschland herrscht hier in der Regel noch ein ungebildetes Racket, unzivilisierte Barbaren, nur auf der Jagd nach geschmacklosen Schnäppchen. Unfreundliche, schlecht gelaunte Ex-Hartz IV-Empfängerinnen brüllen in gruseligem Sächsisch durch den Laden, dass hier „in denn Regooal“ schon wieder alles leergekauft sei und man nun erneut nachfüllen müsse. An der Kasse wird man gefragt: „Hammse manschmal zehn Cent?“ und man möchte entgegnen „hammse manschmal Deutschunterricht gehabt?“, lässt es aber bleiben ob der verstörend selbstsicheren Ausdrucksweise. Ob die Kassiererinnen bei McGeiz glauben, das dieses „manchmal“ die korrekte deutsche Form von „haben sie mal zehn Cent“ sei, oder ob sie tatsächlich bestätigt wissen wollen, dass der Kunde ab und zu, bisweilen, gelegentlich sowie hin und wieder zehn Cent einstecken habe – dies sei hier dahingestellt. Tatsache ist, dass sich mittlerweile Tendenzen bemerkbar machen, die diesem Verfall entgegenwirken. Studenten gehen selbstbewusst in die Läden, erwerben dort ihre Stifte, Blöcke und Hefter, Küchenzubehör etc., ohne sich von den nichtstudierten, arbeitslosen Gestalten ängstigen zu lassen. Man ignoriert die Augenringe der Verkäuferinnen ebenso wie die patzige Anmache die auf eine nette Frage folgt – und die ein anscheinend sehr authentisches Bild historischer Verkaufsinteraktion in der DDR zu vermitteln vermag. Diese Pioniere der Aufwertung stehen den Herausforderungen tapfer gegenüber und ihnen wird es zu verdanken sein, wenn einst im McGeiz eine Bionade-Auswahl im 1-Euro-Regal sowie eine Auswahl an Deleuze-Werken zu finden sein wird, genauso wie eine gebildete, mittelständische Verkäuferin aus Westdeutschland.
MH





wirklich sehr unterhaltsam. ich habe sehr gelacht.