Was will dieser Text sagen? Im 20. Jahrhundert wandelte sich der Konsum von Musik, der Hörer entwickelte sich in der Privatsphäre des Musikkonsums zum Einzelgänger. „Hören“ als solches entwickelte sich zu anstandslosen und anspruchslosen Güterkonsum. Wie konsumieren wir unsere Musik? Was geht uns verloren?
Die eigene Plattensammlung mit den Lieblingsalben, die man allein zu Hause konsumiert oder mit Kopfhörern im öffentlichen Nahverkehr allein unter vielen, das sind typische Merkmale des modernen Konsums. Auf der anderen Seite einwickelte sich eine starke Massen- und Populärkultur, die sich in Charts und Massentrends widerspiegelt. Konsum als kollektiver Akt. Musik konnte erstmals, als Kopie, beliebig gehört werden, unabhängig von Zeit und Raum, und vor Allem unabhängig von der eigentlichen Performance von Musik. Worauf beruht diese Entwicklung im Konsum? Wesentlich auf der technischen Revolution in der Musikindustrie. Schritt für Schritt änderten technische Geräte, wie Telefon, Radio und Grammophon, den Konsum. 1880: Telefonapparate in Opernhäusern ermöglichten eine Verbindung zu Haushalten, eine erste örtliche Trennung von Konsum und eigentlicher Performance. 1920er: Das Radio fand oder erfand ein audielles Massenpublikum. Das Publikum wurde in seinen Konsumgewohnheiten instantan und immateriell. 1930er: Der Besitz von Musik wurde populär, durch die Vermassung der Produktion wurden die Produkte billiger und so erschwinglicher für ärmere Haushalte. 1914 besaß jeder dritte Haushalt der Arbeiterklasse ein Grammophon. John B. Steane beschreibt diese Entwicklung treffend:
“In 1900 the gramophone was a toy, in 1902 a musical experiment, in 1904 an established medium.”
Das „Haltbarkeitsdatum“ von Musik wurde erhöht. Unter Anderem wurde Musik als abspielbares Medium auch zum trivialen Hintergrundgeräusch im Alltag, in Filmen, Fahrstühlen oder Einkaufscentern. Konsum bedeutete hier suggestive, unterbewusste Wahrnehmung. Auch Walter Benjamin bezieht das Alltägliche in seine Betrachtungen ein. Die Rezeption von Kunst bzw. von Musik beruht neben (oder statt) Aufmerksamkeit auch auf Gewohnheit. Die Konsumenten sind nach Benjamin ein gewöhntes und zerstreutes Publikum. Das konzentrierte Hören wird durch Ablenkung ersetzt. Musik als alltägliches Gewohnheitsgut. Adorno plädiert in „Dissonanzen“ ebenso für eine zunehmende Dekonzentration des Hörers. Die Songs selbst sind einander gleich und bestehen aus „Trümmern und Fehlern“, so Adorno, die der reizabgestumpfte Hörer oberflächlich konsumiert. Der Genuss im Konsum konzentriert sich nur noch auf signifikante Merkmale, Melodien oder Intervalle. Adorno umreist sowohl die Änderung des Mediums -Song- als auch des Konsums von Selbigem. Wie schon Simmel argumentiert, entfremdet sich der Konsument vom Konsumierten. Ein weiterer Punkt ist, dass durch das Radiohören der Konsum instantaner, chartorientierter und kurzlebiger wurde, was paradox erscheint, da durch den Besitz der Schallplatte erst langfristiger Konsum ermöglicht wurde. Doch die Unterhaltungsindustrie des Radios war im Zugzwang. Adorno beschreibt einen solchen Selektionsprozess durch Trendlisten als eine Manipulation des Geschmackes. Für Adorno ist der Konsum durch den kapitalistischen Verwertungsprozess (im negativen Sinn) beeinflusst. Die Schallplatte als Medium beeinflusste die Produktion und so auch den Konsum des Produzierten. Die Konsumdauer der Stücke wurde kürzer. Es existierte eine technische Beschränkung auf circa 2 bis 4 Minuten. Musikstücke mussten gekürzt werden, es entstand der Song. Benjamin argumentiert sogar für ein gänzliches Verschwinden von Originalität. Für ihn steht die Kopie für Verlust von Hier und Jetzt des Kunstwerks und so von Echtheit und Tradition.
Durch technische Reproduktion, selbst mit modernen fortschrittlichen Aufnahmetechniken, ist die Musik in ihrem Klang zwar klar, nicht jedoch authentisch, live, einzigartig, oder original. Trotz bester Klangqualität ist die Musik selbst verzerrt, da auch das Studio, in dem sie aufgenommen wurde, nur ein künstlicher Raum ist.
Musik unterliegt nicht nur räumlicher, sondern auch qualitativer Verfälschung. Lediglich Live-Musik erlaubt theoretisch noch Genuss und Konzentration von Originalität. CD und MP3 sind nur verfälschte Kopien, jedoch genug für unsere verkümmerten Ansprüche, die wir der Musik, die wir hören, entgegenbringen; und genau auf diese maßgeschneidert. Der melodiöse und stilistische Minimalismus in Songs zeugt davon. Im Zuge der technischen Veränderung änderte sich auch unser Konsum, doch während eine perfektionierte Wiedergabe möglich wurde, konnte der Konsum selbst nicht perfektioniert werden und litt unter den neuen Belohnungen der Technik.
Primärliteratur:
Adorno, Theodor W., Dissonanzen. Musik in der verwalteten Welt, 4. Ausg., Göttingen 1969. ca. 40 S.
Benjamin, Walter, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Drei Studien zur Kunstsoziologie, 32. Aufl., Frankfurt a. M. 2008. ca. 50 S.
Steane, John B., The grand Tradition. Seventy Years of Singing on Record, London 1974.




