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Typisch Zonenschicksal?

 

Generationen, Milieus und die Wende in Clemens Meyers Geschichten

Sie gelten als Inbegriff des Authentischen, als lebensnahe Exemplifizierung des Lebens ganz unten und dienen als Projektionsfläche für viele Auswüchse sozialromantischen Kitschs im bürgerlichen Feuilleton. Gemeint sind die Personen in den Geschichten des Leipziger Autors Clemens Meyer, der für sein zweites Werk „Die Nacht, die Lichter“ in diesem Jahr den Hauptpreis der Leipziger Buchmesse erhielt und dessen erster Roman „Als wir träumten“ vor zwei Jahren fast durchgängig positiv rezipiert und gelobt wurde.

Nahezu alle Figuren Meyers leben, saufen, prügeln und sterben irgendwo in den von Tristesse gezeichneten Gegenden um Leipzig und Halle. Seine Helden haben ostdeutsche Biographien, verlebten mindestens ihre Jugend in der DDR, Knast oft inklusive, und sind dann ostzonensozialisiert in die neuen Verhältnisse bundesrepublikanischer Demokratie und Marktwirtschaft geworfen worden. Könnte man daraus vielleicht schlussfolgern, dass Meyers Protagonisten mit ihren ähnlichen Lebenswegen eine bestimmte Generation repräsentieren, vielleicht sogar die oft gesuchte ostdeutsche Wendegeneration, die ein von allen Seiten proklamierter „Wenderoman“ benötigt, um auch einer zu sein? Eine Antwort darauf erfordert einen kleinen Exkurs: 

Folgt man dem Soziologen Karl Mannheim, so kann man eine Generation nur dann als solche bezeichnen, wenn ein Generationszusammenhang besteht. Das heißt, über die so genannte Generationslagerung hinaus, welche qua gleichzeitiger Geburt entsteht, partizipieren die zufällig in diese Geschichtsepoche Geratenen an „gemeinsamen Schicksalen“ und haben teil an den „geistigen Strömungen“ ihrer Zeit. Ein Generationszusammenhang besteht demnach aus einer oder mehreren Generationseinheiten, also konkreten Zusammenschlüssen von Personen, die mit gleichen Sinnzuschreibungen ihren zeitgenössischen Kontext deuten und ihr Handeln daran ausrichten. Der selbe Blick auf die gemeinsam erlebte Zeit ist es also, der die Generation konstituiert. Mannheim spricht von einem gemeinsamen „Ereignishorizont“ und sicher ist die „Große Wende“, die in Meyers Debütroman vorkommt, das zentrale Erlebnis jener Generation, die in den Siebzigern geboren wurde und gegen Ende der Achtziger Jahre ihr politisch-soziales Profil herausbildete und versuchte ihre Identität zu finden. Das große Schicksal ist der Übergang von einem System zum anderen, in dessen Folge sich zentrale gesellschaftliche Werte und der Blick auf die Welt grundlegend verschoben. Grund genug deshalb, den Pendants zu Meyers Figuren im wirklichen Leben, den gescheiterten Existenzen und erfolglosen Anti-Helden, ein eigenes, im Hauch der Geschichte geprägtes Profil zuzuschreiben? 

Nicht ganz. Sicher kann man pathetisch eine „verlorene Generation“ konstruieren, die gefangen im Übertritt zu einer anderen Ebene, entfremdet von den Erfahrungen und Interpretationen der Kindheit, in eine Gesellschaft mit grundlegend anderer Philosophie hineingedrängt wird. „Verloren“ wäre hier nicht nur mit dramatischem Gestus zu gebrauchen, sondern könnte ganz konkret mit dem geflügelten Wort der Wendeverlierer assoziiert werden. Doch gerade diese Irritierten und Gescheiterten, die Erfolglosen und Gestrandeten, sind am allerwenigsten Teil derjenigen, die an „geistigen Strömungen“ teilhaben, geschweige denn aus einem gemeinsamen Schicksal Konsequenzen folgen lassen würden. Die Freunde in „Als wir träumten“ haben keinen Anteil an den Ereignissen im Herbst 89 in Leipzig. Von den Montagsdemonstrationen sind sie so weit entfernt wie vom sozialen Aufstieg und gehen nur zum Karl-Marx-Platz, weil es Stress mit der Polizei geben könnte, sie was erleben und sich ablenken wollen. Die Reudnitzer Jugendlichen haben nichts gemein mit den Bürgerrechtlern, die im Zentrum wohnen, leben unbewusst den Gegenentwurf, schlagen sich durch in der grauen, verfallenen Peripherie der Stadt und verlassen ihren Kiez nicht.  

Die Situationen und Mentalitäten sowohl der Figuren Meyers, als auch deren Entsprechungen in der Realität, resultieren eben nicht in erster Linie aus dem politischen Umbruch, genannt Wende. Diese ist nur eine weitere von vielen Zäsuren, von Einschnitten der fremden Welt da draußen in den Kosmos derer, die als Abschaum bestimmt werden. Schon vor der Wende war das Viertel der Jungs eines der Säufer und Heruntergekommenen. Nach dem Mauerfall ändert sich das nicht; der ein oder andere ist nun zwar arbeitslos und bezieht Sozialhilfe, aber dem Habitus und Leben mit den anderen Beschädigten tut dies keinen Abbruch. Das System, das man einigermaßen begriffen hatte, wich nun einem anderen, das man zwar nicht verstand, das aber auch Möglichkeiten lieferte, sich so durchzuschlagen. Ändern würde sich ja sowieso nichts am Rand der Gesellschaft, welche für jene, die Meyer als Vorlage dienen, ohnehin keine Chance bietet. 

Kommen die Ereignisse der Wende in „Als wir träumten“ schon nur sporadisch vor, geben die Protagonisten in Meyers neuen Kurzgeschichten keinen Anlass anzunehmen, sie seien spezifisch ostdeutsche Verlierer. Die Essenz: diese Stories könnten immer und überall spielen. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die ökonomisch prekäre Situation dieses Milieus Produkt kapitalistischer Vergesellschaftung ist, die sie nach erfolglos versuchter Verwertung als Abfallprodukte der Gesellschaft wieder ausspuckt. Der spezifisch ostdeutsche Anstrich der Auswirkungen der freien Marktwirtschaft, der sich im „Jammerossi“ widerspiegelt, der über egoistische, kalte Zeiten klagt und mit DDR-Verklärung und Ostalgie-Industrie eine bestimmte Identität gegenüber dem Westen generiert, findet sich in der tristen Gemeinschaft in Leipzig-Ost jedoch so nicht wieder. Der Außenseiter im „Ghetto“ bemerkt im Kapitalismus lediglich einen härter nach Nützlichkeits-Prinzipien verfahrenden Ausschlussmechanismus. Ihm ist es egal, ob er zu DDR-Zeiten nicht ins Kollektiv eingegliedert wurde, weil er angeblich „asoziales“ Verhalten an den Tag legte und sich „unsozialistisch“ äußerte – oder ob der selbe Exklusionsmechanismus nun im Kapitalismus unter anderen Vorzeichen wirkt, diesmal weil er nicht verwertbar ist. Nach Foucault wird in jeder Herrschaftsform über eben diese Funktionen von Inklusion und Exklusion festgelegt, wer dazugehört und wer nicht. Formelle, vor allem aber informelle Ausschlussprozesse geschehen über Normen, die abweichendes Verhalten festlegen. Wovon wie abgewichen werden kann, legt die jeweilige Ordnung fest. Die neue Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die nach der Wende den mit kollektivistischem und egalitärem Geist Erzogenen (was für die Betroffenen natürlich reiner Zynismus war) das meritokratische Leistungsprinzip überstülpen wollte, tat dies nach ökonomischen Kriterien. In anderen Gesellschaften und Epochen sind und waren es die sexuelle Orientierung, ethnische, konfessionelle oder ideologische Faktoren, die einen Menschen als nicht zugehörig brandmarken konnten und können. Aber auch die weißen, ökonomisch gut gestellten Menschen kann es treffen, und auch sie kommen in Meyers Geschichten vor. Soziale Ausschlüsse geschehen auch auf subtile Weise, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis, in der Familie. Verachtung, die sich in dem manifestiert, was man gemeinhin Mobbing nennt. Ein Vorgang, der ausdrücken soll: „Du gehörst nicht zu uns“. 

Meyer ist also weder einer, der „Wendegeschichten“ schreibt, noch die Stimme der gescheiterten Ostdeutschen, welche die DDR noch miterlebten. Seine Figuren sind keine Vertreter irgendeiner Generation, da ihnen das gemeinsame Handeln aufgrund der Wendeerfahrung fehlt. Man könnte es als puren Zufall bezeichnen, dass die Tragik der Geschichten im Leipzig der 90er Jahre angesiedelt ist. Die historische Konstellation war zwar einzigartig, jedoch waren es andere, denen man aus genau diesem Prozess hervorgegangene Biographien zuschreiben kann, seien es stereotyp gesprochen der bärtige DDR-Reformer oder der westdeutsche Geschäftemacher. Nicht aber der Trinker, den man wegen seines Alkoholismus schon damals aus dem VEB warf und der nun keinen Job findet, weil er mit Fahne im Arbeitsamt auftaucht. Genauso wenig der Knasti, der garantiert nicht nur wegen politischer Vergehen in Bautzen saß und nun auf Bewährung versucht klarzukommen, Anschluss zu finden. Und auch nicht der Mathelehrer, der vom Kollegium gemobbt wird, weil er der Pädophilie verdächtigt wird. Natürlich bedient Meyer Klischees en masse, aber man kann annehmen, dass diese „Idealtypen“ im weberschen Sinne durchaus ihre abgeschwächten realexistierenden Ebenbilder in Leipzig-Reudnitz und Halle-Neustadt besitzen. Menschen, die von jedem Bilderbuchossi mit DDR-Identität verachtet werden. Menschen, die um ihre Existenz kämpfen müssen, Resignation als Dauerzustand kennen. Diese Menschen berufen sich auf keine Identität ihrer Generation oder auf das, was früher mal war. Sie sind die Ausgeschlossenen.

Auch wenn in diesem Fall das Milieu anscheinend eine weitaus größere Rolle spielt als der auf eine Generation geworfene Schatten eines historischen Ereignisses. Eine Frage stellt sich noch und bleibt dabei offen: Inwieweit hat die kollektivistische Ideologie des DDR-Sozialismus (auch abseits der aufs Töpfchen gezwungenen Kinder) eine Mentalität begünstigt, welche der Gemeinschaft den höchsten Rang zuspricht und dabei Prozesse des Ausschlusses einzelner Abweichender verstärkt? Vielleicht spielt dieser  Ansatz gerade in Verbindung mit gesellschaftstheoretischen Überlegungen zur kapitalistischen Verwertungslogik und Selbstverantwortung des Individuums eine wichtige Rolle. 

Meyer weiß höchstwahrscheinlich nur bedingt um diese Umstände und Fragestellungen. Vermutlich unintendiert will er weder Sozialarbeitermoral verbreiten, noch das Leben als Underdog im Osten positiv verklären. Aber abseits jeglicher Hermeneutik löst sich der Diskurs vom Werk und wird gerade dadurch interessanter. Er wirft Fragen auf, die der Selbstreferenz des Literaturbetriebs erfreulicherweise entgegenwirken, denn gerade im Falle des „authentischen“ Clemens Meyer sind die Geschichten wohl aufschlussreicher als Mutmaßungen über den Autor.

MH

  1. Sehr interessant. Allerdings fehlt die Beobachtung, dass das Kollektiv und die kollektive Wertschätzung nach der Wende weiter blühten, zumal es fehlende Selbstkritik und Vergangenheitsbewältigung dies nicht verhidert haben. Damit war die Voraussetzung gegeben, dass die Außenseiter von gestern, die Außenseiter von heute blieben, was nur die offene Grenze nach WestBRD ausgleichen konnte. Komisch nur, dass keiner Focault zitiert wenn es ums Kollektiv geht („Erziehung nach Ausschwitz“)