Das Online-Feuilleton für Politik, Kultur, Kunst und Alltag

Überkonform als Zeitgeistbesetzer – Eine Strategie für Markt- und Hausgebrauch

Populärkultur ist kein schöner Begriff mehr. Seit den 60ern furchtbar aufgebläht, mittlerweile immer wieder sich selbst zitierend und um sich selber rotierend. Alles und jeder kann dazugehören. Jeder hat schon mal dazugehört. Selbst die Verneinung ist nur noch eine Variation der Bejahung. Sie kann aus dem Stand einverleibt werden. Ihr eigentliches entgegengesetzt sein wird aufgehoben. Ihre Geschichten, ihre Gesten, ihre Symbole werden angepasst, adaptiert und dadurch auch pervertiert. Ausdruck der Perversion ist dann die leichte Erreichbarkeit und der ständige Konsum des eben noch Anderen. Die subversive Möglichkeit liegt scheinbar nur noch in der Resignation. Das bedeutet: Überkonformität als Ausdruck des Aufschreis.

Überkonformität ist die Grenzziehung zur Beliebigkeit. Sie ist eine Möglichkeit der Individualisierung, durch die immer weiterführende Selbstaufgabe. Das stellt populärkulturelle Tendenzen vor mehrerlei existentielle Fragestellungen. Zunächst gibt es kein Problem mit jemandem der sich nahtlos eingliedert ins H&M Jäckchen und der pflichtbewusst bei iTunes aktualisierte Aufgüsse einer nichts sagenden Lebensphilosophie herunterlädt. Aber wer überkonform ist, der wartet aber nicht bis er ein Produkt konsumieren kann. Er fordert dessen Fertigstellung. Er legt den Maßstab der Erwartung an das Produkt fest. Das verneint der Produzent zwar, indem er auf die Eigenqualität des Produktes verweist und genau weiß, dass der Großteil der Konsumenten kein Problem haben wird, diesen Fakt so hinzunehmen. Aber die Sakralität eines Produktes bestimmen trotzdem die Nerds. Die Überkonformen.

Wenn man sich Produkte wie das iPhone anschaut, dann weiß man, was mit Sakralität gemeint ist. Wer heute überkonform ist, wäre früher Priester geworden. Das bedeutet er hätte als moralische Instanz gegolten. Heute hat er eine übergeordnete Funktion: die Formung eines neuen Gottes auf Zeit. Im alten Ägypten gab es den Glauben an den Tod der Götter, wenn man sie vergaß, ihnen nicht mehr huldigte. In der Populärkultur ist dieser Aberglaube Realität geworden. Nun braucht man immer wieder neue Götter. Schließlich sind sie auch nur Produkte eines Marktes und haben dementsprechend nur eine begrenzte Haltwertszeit. Das diese aber so gewinnbringend wie möglich genutzt wird, dessen muss man sich sicher sein. Keiner will einen Gott der nicht mächtig ist! Und je heiliger ein Ding ist, desto mehr Gewinn verspricht es. Verklärung als Marktstrategie.

Das zweite Problem, das sich aus der Überkonformität ergibt, ist die Unkontrollierbarkeit. Wer überkonform ist, ist immer einen Schritt weiter als die Produzenten es gerne hätten. Damit können sie seinen nächsten Schritt nur noch voraussagen, aber nicht mehr bestimmen. Der Überkonforme akkumuliert nicht nur Information, er generiert sie. Aus den Regeln die ihm vorgegeben sind schafft er neue Interpretationsansätze. Damit gibt er sich einen Informationsvorsprung, der von den Produzenten des die Information betreffenden Gutes bis zu seiner Preisgabe umschmeichelt wird. Dass er irgendwann verkauft wird, dieser Vorsprung ist klar. Nur so funktioniert der Markt. Nur so kann der Überkonforme in seiner Rolle überleben. Verkauft er nicht wird er zur Marginalie, für die sich keiner interessiert. Verkauft er, erhält er meistens als Austausch neue Information zu Regeln, die er wiederum nutzen kann, weil nur wenige andere sie kennen. Der Grat ist schmal, aber er lohnt sich.

Der Informationsvorsprung ist hier das Entscheidende. Wer Überkonform ist, legt nämlich mit fest was demnächst als konform gilt. Ob er diesen Prozess negativ oder positiv befördert ist egal. Aber er erhält sich sein kleines Stückchen Eigenheit.

Popkultur zielt auf Gruppenbewusstsein, ein möglichst großes Gruppenbewusstsein. Die Überkonformität läuft vor diesem Prozess her. Auf der einen Seite zieht sie ihn voran, auf der anderen deckt sie seine Abgründe auf. Und wenn Scarlett Johansson Tom Waits wiederholt und singt: “cause I learned to be alone, anywhere I’m gonna lay my head, I’m gonna call my home”, dann wissen wir wo diese Abgründe zu suchen sind und dass diese Abgründe vor allem die Wiederholung einer Geste des Individuums bedeuten: Des bei sich selbst seins.

Hacks Maase