Das Online-Feuilleton für Politik, Kultur, Kunst und Alltag

Unsozial im Schwimmbad. Wo der Autismus bleibt.

Geht man Donnerstag Abend zum Hochschulsport der Uni, findet man sich normalerweise in einem wohltuend a-sozialen Autismus wieder. Schwimmen, das ist kein Mannschaftssport, das ist pures Einzelgängerdasein. Man trainiert und schwimmt für sich, tritt gelegentlich ein paar Mitschwimmern an den Kopf oder die Schultern, zieht aber sonst seine Bahnen ohne weitere bemerkenswerte soziale Kontakte. Da Wasser bekanntlicherweise den Schall nur ziemlich unverständlich an den Empfänger weiterleitet, würde alles andere auch absolut gar keinen Sinn machen. Rein strukturell ist man also dazu angehalten, sich für mindestens eine halbe bis eine Stunde von seiner gesellschaftlichen Umwelt abzuschotten, und sich gedanklich mit sich selbst zu beschäftigen. Nun haben die Leistungsschwimmer auf Bahn 3, deren Ohren wohl schon seit der Grundschule zweimal wöchentlich mit Wasser getränkt werden, kein Problem mit Autarkie. Konzentration auf die stromlinienförmige Bewegung der einzig aktivierte Bereich im frontalen Stirnlappen, die Aufmerksamkeit außerhalb der Wasseroberfläche reicht nur auf die große Stoppuhr oder auf den Trainingsplan, der an die Fließen des Beckenrandes klebt. Und doch, der Schein von harmonisch vermasster Einsamkeit trügt, denn lässt sich die soziale Interaktion als solche doch nicht so einfach ausschalten, wie es der chlorwassergetaufte Leistungsschwimmer gerne hätte.

Brustschwimmer zum Beispiel. Des regelmäßig Trainierenden größter Feind. Den Frust über jene Langsamen, der Leistungschwimmerbahn Unwürdigen, hört man dann auch immer wieder in der Umkleidekabine oder erlebt ihn im Becken selbst, wobei sich Unmut durch üble Tritte beim Überholen und hinterhältiges Wasserspritzen auslebt. Der Brustschwimmer wird von der professionalisierten Mehrheit so an die sozial nieder gestellteren Bahnen verwiesen, auf deren er sich wiederum einem neuen Gegner zu stellen hat: den Schwätzern, die sich scharenweise am Ende der Bahn versammeln, um in gegenseitiger Unterhaltung jegliche Andockstelle für den Schwimmer zu versperren. Warum nun ausgerechnet diese aquaphilen Kaffeekränzchen immer am südlichen Ende der Bahn stattfinden, ist statistisch evidenter Fakt und ungeklärte Frage zugleich. Klar ist: sie breiten sich mit jeder Woche stetig aus. Man hat sogar schon Personengruppen beobachten können, die sich die gesamte Zeit ihres Aufenthaltes am Beckenrand aufgehalten haben, ohne auch nur einen einzigen Schwimmzug zu tätigen. Was hier zu diagnostizieren ist, liegt klar auf der Hand. Eine soziale Deklinierung der Sportanstalt, eine Sinnumdeutung zum Freibad, nein, eine Abstufung zum Spaßbad, muss man hier fast schreiben. Es treffen hier zwei sich feindlich gestimmte Lebensstilmilleus aufeinander, die sich mit Aggression oder plaudernder Gleichgültigkeit durchzusetzen versuchen. Sollte die geplante Rutsche tatsächlich installiert werden, ist es vorbei für die Leistungsschwimmer, aus Habitat und Natur verdrängt, werden sie sich scharenweise auf die Suche nach einer neuen sozialen Nische begeben müssen. Letztendlich wurde letzten Monat allerdings Badekappenpflicht eingeführt, sodass schnell klar war, wer zum Schwatzen wieder zurück ins Café gehen musste und wem es egal ist, dass er und seine Frisur später auch total dämlich anzusehen ist.

Leider kann man nicht behaupten, dass es seitdem ruhiger oder friedlicher geworden ist. Die Leistungsschwimmer feiern ihren Sieg nämlich seitdem mit ausgiebig heftigen Schlägen und Wasserspritzen, sie tummeln sich wie junge Hunde im Nass, und bellen gebrannten Kindern gleich jeden an, der es auch nur wagt, mal eine kurze Pause am Beckenende einzulegen.

Steph Belbourne

  1. Kann ich so unterschreiben.

    Solidarischer Gruß von Bahn 5, die alles andere als Bahn 3 ist.

    P.S.: Man sollte den Schwatzern zugute halten, dass sie mitunter 10 Minuten Aufwärmübungen dem Training voranstellen und die Wartezeit auf den Startschuss damit verkürzen, dass sie ihre Bademode an der Beckenstirnseite flanierend präsentieren.