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Die miese Gruppe und der Padus

Steph Belbourne über die Grausamkeit und Unnötigkeit von Gruppenarbeiten

Ich sitze vor meiner Hausarbeit; und vor Wut kollabiert mir gleich mein Padus[1]. Warum es zu diesem äußerst schmerzvollen und unschönen biologischen Desaster kommen könnte, liegt einzig und allein an meiner Seminargruppe. Es ist Mittwoch Abend, morgen Mittag ist finaler Abgabetermin der Arbeit, und meine lieben Mitglieder haben sich in unerreichbare Anonymität geflüchtet, sind komplett untergetaucht, nachdem sie mir gestern endlich ihre jeweiligen Teile zuschickten, derer ich nun Herr werden muss, da meine Aufgabe darin besteht, selbige Teile in ein wunderschönes Ganzes zu verwandelt. Damit habe ich prinzipiell kein Problem, würden die mir zugesendeten Teile nicht unvollständig, trotzdem zu lang (schon hier wird es paradox) und voll Fehler sein. Und keiner antwortet mir! Ich: Leute, ich brauch noch den Schlussteil. Eure Quellen. Matrikelnummer ist auch gut. Was kann ich denn kürzen? Das Postfach, gähnend leer; ein monotones Klingeln aus dem Telefonhörer. Auf verlorenen Posten schmolle ich in meinem Sessel und bereue bitterlich. Schmiede Rachepläne. Verwünsche die Teamarbeit. Aber Steph, du wusstest es schon seit der ersten Minute! Aus dieser Gruppe geht nichts Gutes hervor.

Nun ist das Forschungsfeld dieser Gruppenarbeit Prozesse und Verhalten von Kleingruppen. Fett gedruckt grinst dieser Titel mich in New Times Roman an. Hinter dieser Überschrift stehen die Schlüsselfaktoren für eine erfolgreiche Gruppenbildung, schlüge ich die Seiten auf, würde ich lesen, dass ein Wir-Gefühl selbst bei spontaner Gruppenzusammenfindung recht schnell entsteht[2]. Gründe für die Gruppenfindung liegen in der interpersonellen Attraktivität, gemessen zum Beispiel an gemeinsamen Zielen und Interessen. Gibt es, sag ich, gibt es. Auch bei uns. Zum Beispiel die Note, die der Prof diesem Papier vergeben wird. Oder die Zulassung zur Klausur am Semesterende. Ist ja nicht so, dass das nichts wäre. Gute Ziele. Sollte zusammenschweißen. Gleich im ersten Kapitel der Arbeit werden die Merkmale von Kleingruppen kurz aufgelistet. Face-to-Face-Interaktion, Dauerhaftigkeit, Normenaushandelung zur Regulierung, Anpassung nach Innen, Wirkung nach Außen[3]. Gibt es, sag ich. Nur nicht bei uns. Hat diese Gruppe einen gut funktionierenden Kleingruppencharakter? Nein, also frage ich mich, was schief gelaufen ist. Reflexive Problemforschung, Wie gesagt, es fing schon an, da war die Gruppe noch gar nicht richtig gebildet. Das erste Gruppentreffen. Mir gegenüber sitzen drei Autonom-Hippie-Punk-Linksradikal-Mischlinge in dunkle Fruit-of-the-Loom-Kapuzen gehüllt. Mein erster Witz über den Seminarleiter muss sich vor verständnislosen Gesichtern verstecken. „Find ich jetzt nicht so lustig.“, entgenget die Eine. Wenn jemand meine Witze nicht versteht, werde ich misstrauisch. Aber nicht ernsthaft. Gruppenarbeit ist kein Vergnügen. Hier geht es um Produktivität, was die drei wohl ernst nehmen, und deshalb sich das Lachen verbieten, denke ich. Doch so recht will keiner über die Hausarbeit sprechen, lieber über Demos, Nazi-Zentren oder lustig klingende Dialekte. Nicht, dass das keine wichtigen Themen wären. Erstis, denke ich, die brauchen etwas Zeit. 13 Jahre Schulbank, 13 Jahre doktrinäre Lehrpläne, da beschwingt die Freiheit des Gedankens, des Forschens und die dialektfreien Lehrkräfte sind auch was Neues. In der nächsten Sitzung passiert bestimmt mehr. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass das die einzige Sitzung sein würde, an der alle Gruppenmitglieder zugegen sind.

Ein paar Tage später verschwindet Tobias. Er ist weg, nicht mehr zu erreichen. Nicht physisch jedoch, sondern psychisch. In den 3 Wochen, bis er wieder Kontakt zu uns aufnimmt, wurde er mehrmals in der Uni gesehen, reagierte jedoch nicht auf Winken und Rufen. Krank sei er gewesen, teilt er uns per Email mit. Gut, beim Email-Kontakt bleibt es, wenigstens hört man etwas von ihm. Inzwischen treffen wir uns, laut meinem Vorschlag, bei mir. Weil ich dann wenigstens nicht vergebens durch die halbe Stadt muss, um festzustellen, dass der jeweilige Gastgeber lieber irgendwo anders ist. In der Winterpause sollte nun jeder seinen Teil schreiben und zur Korrektur an alle schicken. Grund genug für Marie, ebenfalls in den Untergrund abzutauchen. Die Autonomen, na ja. Kontaktversuche scheitern. Ich sehe sie in der Silvesternacht, doch bin leider nicht in der Verfassung, sie anzusprechen. Mitte Januar dann eine erste Nachricht von ihr. Sie hätte Weihnachten und Neujahr wegen einer undefinierbaren Infektion im Krankenhaus verbracht. Okay, Marie. Ich lächele, und frage wie es ihr denn jetzt geht. Besser, meint sie. Sie schickt mir ihren Teil bald zu. Mittlerweile ist Tobias schon wieder verschwunden. Donnerstag ist Abgabe, Dienstag morgen meldet sich Tobias zurück. Irgendwas ist mit ihm, er konnte und kann nichts abschicken und muss wohin und blabla. Jedenfalls hat er seinen Kumpel Sven beauftragt, mir seinen Hausarbeitsteil zukommen zu lassen. Der Teil findet sich Dienstag Abend um halb neun ein. Sven unterschreibt, entschuldigt sich, die Email kommt von Tobias’ Postfach. 15 Minuten später schreibt Tobias selbst, ich solle ihm Rückmeldung geben, ob die Mail angekommen ist. Tobias unterschreibt. Okay, Tobias. Ich lächele. Maries Teil findet tatsächlich seinen Weg in mein Postfach, Mittwoch morgen. Die Hälfte fehlt, Schluss, Deckblatt, Literatur etc. Fällt aus wegen ‚is nich’. Die Bande scheint im Exil, kein Durchkommen möglich, ich auf verlorenen Posten an der vordersten Linie.

Also heute Nacht noch ein kurzes Fazit: oberflächliches Gruppenbewusstsein in Form von Versprechungen, Zusagen und freundlichem Umgang sind vorhanden, mehr jedoch nicht. Ob sich das Individuum hier einem möglichen Gruppendruck entziehen will, ob es sich um einen Normbruch handelt oder was generell die Gründe sind, ist mir leider nicht bewusst. Wahrscheinlich dreht es sich hier um eine soziale Form akuter Dummheit, die durch direkte Bezugnahme auf generalisierte Gruppenandere zu erhöhter Devianzbereitschaft führt. Das klingt gut. Moment, das passt auch gut zu meinen Racheplänen: ich muss mind. 5 Seiten schreiben. Ich glaube, ich baue diesen Essay etwas aus und gebe das morgen so ab. Den Padus lasse ich weg.

Steph Belbourne

[1] Po
[2] Mühler, Kurt, 2004: Grundzüge der Soziologie. Ein Lehrbuch. Opladen: Bude Verlag. S. 164.
[3] Homans, George C., 1968: Theorie der sozialen Gruppe. 3. Aufl. Köln [u.a.]: Westdt. Verl. S.89.

  1. Man hat es nicht leicht, so als Avantgarde!