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Es macht keinen Sinn mehr Sinn zu produzieren

Ein nichtgeneriertes Essay über postmoderne Theorie 

Zugegebenermaßen ist es recht eigenartig, innerhalb eines journalistisches Mediums eine zweite Ebene zu konstruieren, die als Referenzpunkt eines Artikels gilt. Vor allem, wenn diese Ebene selbst ein Artikel ist. Zumindest dem Anschein nach.

Es geht um den Artikel “The Collapse of Narrative: Textual appropriation in the works of Tarantino”, der kürzlich auf Jaques&Juergen erschien. Abgesehen davon, dass man schon mittelguter Beherrscher der englischen Sprache sein muss, um die Überschrift übersetzen zu können, wäre es auch für Muttersprachler schwierig, auch nur ansatzweise den Sinn eben jenen Textes zu rekonstruieren. Es gibt nämlich keinen. Kein Wort des Artikels ist von einem Menschen geschrieben -  der Autor „John Q. O. Abian“ existiert nicht. Produziert wurde diese Tarantino-Abhandlung vom „Postmodernism Essay Generator“ auf der Internet-Seite „Communications From Elsewhere“. Verantwortlich dafür ist ein gewisser Andrew C. Bulhak (wahrscheinlich auch ein generierter Name), der ein Programm entwarf, mit dem Zufallstexte über eine vorgegebene, berechenbare Grammatik erstellt werden können. Aktualisiert man nun die Seite, wird jedes Mal ein neuer Text generiert. Dass dieser total sinnlos sei und zufällig erstellt wurde, steht dann auch darunter. So erhält man pseudowissenschaftlich wirkende Auswürfe über Kapitalismus, patriarchalische Kontexte oder Konstruktivismus in den Arbeiten von wahlweise Eco, Fellini oder auch Madonna, natürlich untermauert von postmodernen Theoretikern wie Foucault, Derrida oder Bataille. Der Aufbau wird schnell klar: typische Schlagworte postmoderner Provienenz werden aneinandergereiht und als Zitat eines der großen Denker gekennzeichnet. Davor setzt man noch eine ebenso aussagelose Überschrift und fertig ist der postmoderne Essay. Und jeder, denkt man sich, wird sagen: „Jaja, das hört sich schwer nach Deleuze an, hmm, und ach – typisch Debord!“. Selbst die ironische Brechung und vollkommene Loslösung von jeglicher wissenschaftlicher Aussage wirkt irgendwie, nun ja, real oder authentisch – und hört sich eben genauso an wie die ernst gemeinten Ergüsse der Postmodernisten. Wer des Öfteren solche Texte liest, weiß wovon die Rede ist. Irgendwie schade für die großen (Anti-)Theorien erwähnter Vorbilder – aber was ist eigentlich dran an dieser Kritik?

 Klar, witzig ist es schon, vorzuführen, wie substanzlos die Aussagen mancher Denker eigentlich sind – und viel lustiger noch die darauf folgende Reaktion der Rezipienten. Ein schönes Beispiel dafür, dass sich dies nicht auf ahnungslose Internet-User beschränken muss, liefert die so genannte „Social Text“-Affäre aus dem Jahr 1996. Der Physik-Professor Alan Sokal veröffentlichte damals im Magazin „Social Text“ einen großartigen Artikel mit dem Titel „Transgressing the Boundaries: Toward a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity“. Dieser liest sich unglaublich plausibel – ist aber leider auch ohne jeglichen Sinn geschrieben worden, wie Fokal später auflöste. Doch die gesamte akademische Leserschaft fiel darauf herein und lobte den Text als einen sehr guten Versuch, das postmoderne Denken in die Physik einzuführen. Diese Dekonstruktion postmoderner Nichtssagerei, die sowohl Fokal als auch der „Postmodernism Generator“ vornehmen, ist unterhaltsam, verfehlt aber die Essenz der kritisierten Theorien. Man kann die Kritik am Postmodernismus erklären als Strategie überforderter Individuen, die auf die kontingente Moderne reagieren, indem sie ein nostalgisches Verlangen nach Sicherheit und verlässlichen Tatsachen äußern. Die Forderung nach mehr Substanz und Struktur ist eine sehr verständliche, ebenso wie die logisch folgende Negierung des Poststrukturalismus. Doch eben diese postmodernen Ansätze versuchen ja gerade die Feststellung einer Auflösung vorgegebener Wege, substantieller Werte sowie traditioneller Verlässlichkeiten umzusetzen in akademische Texte. Dabei führt die Erkenntnis des Substanzverlustes und der Beliebigkeit von Sprache zur Schlussfolgerung, dass Texte mit festgelegten Begriffen und Beziehungen obsolet geworden sind. Es macht keinen Sinn mehr, Sinn zu produzieren. Deshalb verwerfen Autoren  wie Foucault oder Derrida ihre Begrifflichkeiten immer wieder – so z.B. der Ansatz der Heterotopie, der als einer der zentralen Begriffe bei Foucault galt, bis er ihn auf einmal nicht mehr benutzte und die selbe Sache mit einer anderen Bezeichnung umschrieb. Das Vorführen der Austauschbarkeit durch ein Gezappe zwischen leeren Worthülsen ist eine Hauptintention „der“ Postmoderne und kann aus diesem Grund nur schwerlich gegen selbige vorgebracht werden. Eine plausible Kritik muss deshalb vielmehr konstatieren, dass auch Beliebigkeit reale Folgen auf gesellschaftliches Handeln hat – und deshalb eben nicht egal ist. Doch dann muss man auch zugestehen, dass dies schon die Autoren der 70er erkannt haben und entgegen ihrer Pamphlete Mitglieder in den normativsten (meist linken) Organisationen waren.

Wenn man das mitdenkt, dann ist ein Programm wie der „Postmodernism Generator“ neben einem witzigen Gimmick auch ein subversives (fas schon künstlerisches) Instrument, um auf Substanzlosigkeiten dort hinzuweisen, wo sie reale Gefahren bergen könnten. Für John O. Q.  Abian ist dies die Hauptsache.

MH

www.elsewhere.org

Informationen zur „Social Text“-Affäre

Was ist eigentlich diese Postmoderne?

  1. Apropos Sinn: Manchmal kann auch ein kleiner Strich, wie zum Beispiel ein Komma, Sinn machen. Dann würde nämlich deutlich, was mit der (in dieser Form recht sinnfreien) Überschrift eigentlich gemeint ist. Denn es macht schon einen Unterschied, ob man sagt:

    „Es macht keinen Sinn mehr, Sinn zu produzieren“

    oder

    „Es macht keinen Sinn, mehr Sinn zu produzieren“

    Naja, immerhin erfährt der geneigte Leser im Text selbst, wie diese Aussage zu verstehen ist. Ist ja auch schon was…

    lg

  2. Der Hinweis ist gut, der Fehler aber durchaus gewollt. Die Doppeldeutigkeit sahen wir für den Titel als sehr reizvoll an, da sie die Aussage des Artikels konkret an der Sprache widerspiegelt. Denn es macht den Poststrukturalisten zufolge sowohl heutzutage keinen Sinn, Sinn zu produzieren – in der Bedeutung von MEHR als zeitliche Umschreibung – und genauso ist eine weitere Produktion von Sinn sinnlos – hier das MEHR als Mengenangabe. Beides trifft zu – und zusätzlich zeigt der Titel noch die sinnkonstruierende Austauschbarkeit von Sprache.

    Naja, alles etwas kompliziert ;-)
    In diesem SINN,
    danke für’s lesen und bis bald.
    JJ

  3. Gewollt wohl kaum, eher schon Nachlässig- (Schallampig-) keit.

    Anyway, I’ll keep it on up.

    lg

  4. sinnkonstruierend, sinnproduzierend, Sinn machen… nur gut, dass dies im Deutschen alles keinen Sinn hat. Sinn kann man nämlich nicht machen. Frage: ist die Diskussion über diese Überschrift daher sinnlos? ;-)
    Aber toller Artikel; es war sehr amüsant diesen zu lesen. Danke.

    • Das macht Sinn ;-)
      Dass man jedoch Sinn nicht konstruieren, produzieren, also machen könne, ist eine unhaltbare Aussage.
      Sinn IST ja nie von vornherein da, sondern immer von Menschen geMACHT.

      Macht das Sinn?