Berlinale subjektiv
Genug gelesen hat man ja von der Berlinale. Nun steht fest, welcher Film den goldenen Bären erhalten hat – peruanisch und politisch – das musste ja sein. Wahrscheinlich existiert ein geheimes und verbindliches Regelwerk für die Jury, nach dem keine Filme den Wettbewerb gewinnen dürfen, die a.) aus Amerika oder Westeuropa kommen und b.) weder Neokolonialismus noch die imperialistischen Schandtaten der Globalisierung an den Pranger stellen. Nun ja, der Ruf als politisch-alternatives Festival muss ja gefestigt werden. Und, um die Gesetze der Dialektik nicht außer Kraft zu setzen, schickt man jene A- und B-Prominenz auf dem roten Teppich voran, die zwar glamourös ein Hochglanzfoto wert ist, sich aber auch gegen Ausbeutung, Hunger, biomarktfreie Stadtteile etc. engagiert. Davon gesehen habe ich nichts. Nur die Überbleibsel des täglichen Galabetriebs am Berlinale-Palast, nämlich eine Pflanze und ein A4-Blatt mit Hinweisen für Fotografen von „Vanity Fair (sitzend) und Tagesspiegel“ (wahrscheinlich stehend), konnte ich nach dem Abspann des letzten Films im Palast abstauben. Dieser hieß „The Messenger“, ein amerikanischer „Independent“-Streifen, ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären für das Beste Drehbuch. Den hat er sich auch redlich verdient, denn es ist ein ganz großer Film. Ohne eine emphatische politisch-soziale Erzählung in den Mittelpunkt zu stellen, zeigt er glaubwürdig und grundehrlich ein wichtiges Moment des erschöpften Irakkrieg-Amerikas. Es geht um einen Kriegsveteranen, der sich, nachdem er verletzt nach Hause geschickt wird, auf andere Weise verdient machen muss. Nämlich indem er Angehörigen von im Krieg gefallenen Soldaten die traurige Nachricht vom Tod ihrer Männer, Väter und Söhne überbringt. An die Seite gestellt bekommt er dabei einen zynischen älteren Sergeant, der gelernt hat, wie man mit dem Leid umgehen kann: gefasst und sarkastisch. Völlig unkitschig geht das vonstatten, ohne großen Vorwurf an die Politik oder irgendwen.
Ein ganz anderes Kino aus den USA war einige Tage zuvor in „White Lightning“ zu sehen. Hier wird ein Prekariat portraitiert, das man gemeinhin als „White Trash“ bezeichnet. Dieses Milieu ist nicht nur abgehängt, es ist noch nie mitgefahren auf dem Zug des American Dream. Es ist ein harter, blutiger Film, der sich am Ende gar ins Psychopathische dreht. Die bürgerlichen Familientragödien lässt der Film dagegen aussehen wie unerhebliche Luxusprobleme einer verwöhnt jammernden Schicht, über welche die schmutzigen, verwahrlosten Kinder der amerikanischen Provinz in ihren Hütten aus dem 18. Jahrhundert, mit ihren Krankheiten und entstellten Gesichtern nur lachen können. Gewaltexzesse bestimmen hier das Bild – und Gewalt ist auch das Hauptsujet im zeitgenössischen amerikanischen Kino jenseits von Hollywood. Strukturelle und explizite Gewalt, psychische und körperliche – Amerikas Filmautoren zeichnen einen Abriss des Zwangs, ein groteskes Bild ihres Landes, mit dem nicht für Verständnis geworben werden soll. Die gesellschaftlichen und sozialen Ursachen werden zunächst ausblendet – um sie letztlich aber implizit immer mitschwingen zu lassen.
Und sonst? Ja, das deutsche Kino war da noch. Zum Beispiel „Wir sind schon mittendrin“, ein netter Doku-Film über die Generation der 30jährigen, die in ihrem Leben im Grunde nichts erreicht haben. Glücklich sind sie trotzdem, will der Film uns sagen. Das ist ebenso unspektakulär wie die Kurzfilm-Aneinanderreihung „Deutschland 09“, eine filmische Sicht auf die „Lage der Nation“. Hier finden sich unter den 13 Filmen neben vielen durchschnittlichen sogar richtig gute. „Fraktur“ ist so ein guter Film über einen Unternehmer aus Berchdesgaden, dem eines Morgens das unsägliche neue Design seiner geliebten „FAZ“ auffällt. Keine Frakturschrift mehr! Als kurze Zeit später auch farbige Bilder auf Seite 1 zu sehen sind ist das für ihn der Supergau. Er lässt von den Fahrern seiner Spedition alle Ausgaben aufkaufen und vor dem Verlagshaus in Frankfurt verbrennen. Es gibt gute Momente im deutschen Kino, aber Außergewöhnliches, Herausragendes oder wirklich Atemberaubendes findet man nicht. Das war schon immer der Unterschied zum amerikanischen Film, der zu allen Zeiten eine große Anzahl an Facetten zu bieten hatte, sei es den Hollywood-Kracher mit bestem Unterhaltungswert oder feinstes sozialkritisches, unabhängiges Autorenkino. Langweilig war das selten, ganz im Gegensatz zum deutschen Film. Aber, frei nach der Spex kann man sagen, Jarmusch und Tarantino sind nicht umsonst keine Deutschen – und deshalb sollten sich die deutschen Regisseure vielleicht überlegen, noch mehr Globalisierungskitsch zu produzieren – dann klappt’s wenigstens mal mit dem Bären.
Maximilian Haase





Feiner Artikel, Herr H.!
Jaja, dass das deutsche Kino immer etwas hinterherbaumelt ist nicht neu, fällt aber doch immer wieder auf.. was schade ist. Da es durchaus Seiten geben kann, die durchaus ansehnlich porträtiert werden können und könnten. Aber naja, woran liegt es? Die deutsche Seele ist doch sonst so kreativ, denke man zb an Musik und Literatur.
Wohl könnte es sein, dass man nach Holywood strebt, da man in Deutschland einfach keine Credits bekommt..
Gruß aus Melbourne!