Das Online-Feuilleton für Politik, Kultur, Kunst und Alltag

Swipe your Irony, please.

Wie sich Kunst und Ironie im Spiegelbild zuzwinkern.

von Steph Belbourne

Regina, Kanada. Lärm dringt aus dem Eingang auf die Straße, eine welcomeGruppe Studenten drängt sich in die neue Bar, aus dem „Swipe“ dringt Gesprächs-Gemurmel, ein helles Lachen, dunkle Kleidung. War hier nicht mal eine Galerie in den Räumlichkeiten? Das alte Klientel scheint geblieben zu sein. Cocktails, Bier, Gespräche, Lachen, so wie überall. Bei der Bestellung wird ein Herr, wie üblich in Nordamerika, um seinen Führerschein gebeten, um sicher zustellen, dass er über 21 ist. Während der Bartender das Bier aus dem Kühlschrank angelt, erscheint auf einem der Monitore, die mit ihren schwarzen Schirm bisher im Verborgenen geblieben sind, das Passfoto des Mannes, auf einem zweiten Schirm leuchtet eine Karte der USA auf, ein roter Kreis indiziert die Herkunft. Persönliche Daten, Alter, Geschlecht flimmern nun auch auf einem dritten Schirm. Zu seinem Bier bekommt der verdutzt dreinblickende Mann einen Kassenbon mit den Informationen.

Inzwischen ist klar, dass die vermeintlich geschlossene Galerie doch nicht zu ist, stattdessen eine Performance 3er amerikanischer Künstler beherbergt. Doch verblüffend echt scheint die Imitation einer Bar trotzdem, zumal die Performance alle Funktionen einer Bar erfüllt: Musik, Getränkeausschank und das Interieur, inklusive Gäste. Eine deckungsgleiche Oberfläche. Eine Inszenierung, die sich jedoch ernst nimmt. Hingewiesen werden soll auf die Datensppeicherung von gastronomischen Institutionen in den USA, die laut Künstlern sogar Datenhandel mit  den Informationen treiben. Denn die Lesegeräte speichern die Daten der Kunden. Diese Daten werden dann zur Kundenanalyse verwendet oder sogar an Interessierte Firmen weiterverkauft. Imitation finden in unserer Moderne berühmte Vorbilder wie Boys’ „Ausfegen“ oder die Bilder René Magrittes. Die Nachbildung des Realen, ein Faksimile, jedoch nicht zur

Sieht aus wie in einer Bar

Sieht aus wie in einer Bar

 Täuschung, wie bei Mutter Natur sondern als bewusst eingesetztes ironisches Mittel provoziert Gesellschaft im Ganzen und den einzelnen Akteur in seiner gesellschaftlichen Position.  Auch Krankenhäuser und Flughäfen benutzen mittlerweile solche Scanner. Laut Angaben allerdings nur zu Sicherheitszwecken. Die „Swipe Bar“ lenkt nun die Aufmerksamkeit auf diese Grenze von Sicherheit und Mißbrauch, sie ironisiert und übertreibt. Erinnert diese Übertreibung an Kitsch? Sicher nicht, doch der Verweis soll trotzdem hier gezogen werden. Kitsch übertreibt bestimmte Merkmale stark. Doch nimmt sich Kitsch selbst allzu ernst und ist keinesfalls offen für Interpretation. Auch wenn ein Gartenzwerg wie Freud aussieht, symbolisiert er primär nicht eine psychologisch vernarrte Gesellschaft, sondern wird als schön betrachtet (zumindestens vom Besitzer. Warum, ist rätselhaft und bietet Stoff für einen weiteren Artikel). Im Gegensatz zu Kitsch benutzen Imitationen die Methoden des zu Ironisierenden und nähern sich durch Nachahmung an das an, von dem sie sich zugleich durch ihre Intention distanzieren. Dieses Spiel der Gradwanderung zwischen Kunst und Kitsch ist auch in der Werbung beliebt, denke man nur an Parfummodells, die teilweise Idealisierungen unterliegen, die denen der Nationalsozialisten gleichen (denke man an „Calvin Klein Eternity“-Spots oder an Lucky-Strike-Werbung). Selbstbezogene Distanz ist hier ausschlaggebend. Erst diese Distanz versetzt das Objekt in jenen bewusst wahrgenommenen (!) Status der Doppeldeutigkeit aus Realität und Idee. Der Begriff „Swipe“ beinhaltet selbst eine spannende Doppeldeutigkeit: natürlich „swipe a card“, also eine Karte irgendwo durchziehen; aber „swipe“ bedeuted auch „stibitzen“ oder „stehlen“. Gleichzeitig erfolgt im Werk selbst eine Vereinigung aus Utopie (das projizierte Bild, was als Projektion wahrgenommen wird) und Heterotopie (des real wirklichen Charakters). Laut Foucault finden sich diese zwei Ebenen zum Beispiel im Spiegel wieder, in dem man 

Spieglein, Spieglein.. der Schirm zeigt den Herkunftsort des Führerscheins an

Spieglein, Spieglein.. der Schirm zeigt den Herkunftsort des Führerscheins an

gleichzeitig selbst ist, als auch eine reflektierte Wahrnehmung. Das Kunstwerk oder die Performance als utopisches Abbild einer Wirklichkeit zeigt der Gesellschaft den Spiegel vor das Gesicht. Dabei ist es jedes Mal eine spannende Angelegenheit, mit welchen Mitteln gearbeitet wird, denn eine Übertreibung, die „over the Top“ ist, kommt schlecht an, wirkt nicht authentisch genug, um ihre Botschaft zu verstecken. Einfach auf den Bösen zeigen funktioniert so nicht. Es ist ein Schattenspiel mit Realiät und Wahrnehmung.

Die „Swipe“- Bar jedenfalls schenkt weiter Drinks aus, tourt mittlerweile auch auf Kongressen oder auf der Pittsburgh Biennale. Das Konzept scheint erfolgreich zu sein, wer weiß, vielleicht eröffnet ja bald eine „Swipe“-Kette. Wäre allzu ironisch.

 

.. Recherche darüber hinaus:

aac-weimar.de Hier geht es um ein Projekt der Weimarer Galerie zum Thema Ironie

we-swipe.us Die offizielle Homepage der Performance mit Bildern und weiteren Hintergrundinfos

Hier noch ein Audio-News-Bericht über die Performance (english)

Swipe bietet auch eine Software zur Encodierung von Information an. Das nützt allerdings nur bei nordamerikanischen Karten oder Führerscheinen.

Und noch etwas zu Michel Foucaults Ideen, die im Text verwendet wurden.