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Resignatives Stochern im Nebel des Zeitgeists

»Jetzt, da die Wissenschaft uns geholfen hat, die Furcht vor dem Unbekannten in der Natur zu überwinden, sind wir die Sklaven gesellschaftlicher Zwänge, die wir selbst hergestellt haben. Wenn wir aufgefordert werden, unabhängig zu handeln, rufen wir nach Vorbildern, Systemen und Autoritäten.«  Max Horkheimer[1]                                                                    

von Johannes Duschka  

 

Jugend ohne Charakter! titelte Ende August die Zeit, auf die Polemik Die traurigen Streber ihres Feuilleton-Chefs Jens Jessen verweisend[2] Charakterlosigkeit, Egoismus und Angepasstheit attestiert Jessen uns Studierenden, und wenn man sich so umschaut an der Universität Leipzig, dann muss man ihm darin im Großen und Ganzen zustimmen. Trotzdem bietet Jessens Polemik in zweierlei Hinsicht Anlass zu vehementer Kritik. 

Erstens wirft er den Studierenden ihren als Individualismus getarnten Sozialdarwinismus nicht explizit vor. Er trauert lieber, sucht oberflächliche Erklärungen für den diagnostizierten Ungeist und  findet diese auch: gesellschaftliche Debatten um Globalisierung, um verschärfte Konkurrenz und um Wettbewerbsfähigkeit; steigender Leistungs- und Anpassungsdruck – angeblich ohne haftbar zu machende Urheber; Eltern, die  Abstiegsängste an ihre Kinder weiterreichen und noch vieles mehr fällt ihm ein.

Das alles mag auch mehr oder weniger stimmen stimmen, Jessen aber beschränkt sich fast ausschließlich auf das Aufzählen solcher systemischer Zwänge und historischer Bedingungen und ihrer scheinbar zwangsläufigen individuellen Folgen. Die Gefahr, die in solch einer eindimensional-verdinglichenden Darstellung gesellschaftlicher Zusammenhänge als einer Art Reiz-Reaktions-  Schema liegt, ist, dass Jessen den Akteuren damit die Argumente zur Entschuldigung ihres offenbar –  durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation – determinierten Handelns serviert. Es handelt sich hierbei nicht um eine sprachliche Lappalie, sondern um eine folgenschwere Gedankenlosigkeit, die es zu korrigieren gilt, wenn man den Zuständen etwas anderes entgegensetzen will als Jessens resignative Trauer.

  »Institutionen und symbolische Sinnwelten werden durch lebendige Menschen legitimiert, die ihren gesellschaftlichen Ort und konkrete gesellschaftliche Interessen haben. […] Soziologisch wesentlich ist, daß jede symbolische Sinnwelt und jede Legitimation Produkt des Menschen ist. Die Grundlage ihres Daseins ist das Leben lebendiger Menschen. Abgetrennt von dieser ihrer Grundlage besitzen sie keinen empirischen Status«[3], schreiben Berger und Luckmann und geben damit die Stichworte für eine gehaltvolle Kritik. Eine Kritik, die die aktive Mit-Täterschaft privilegierter Personen an den – durch Sachzwänge entschuldigten – Verwerflichkeiten, die sie in ihrem persönlichen Wirkungskreises begehen, ins Visier nehmen muss. Um eben solche, durch den Zufall der Geburt von vornherein sozial und ökonomisch privilegierte AkteurInnen, handelt es sich an deutschen Universitäten überwiegend und gerade diesen muss man ihre egoistisch motivierte Angepasstheit in aller Deutlichkeit vorwerfen. Sie unterliegen – im Vergleich zu vielen anderen – keinen existenziellen Zwängen und verfügen über die Zeit und die erlernten Kompetenzen, um ihr Verhalten zu reflektieren.

Gemeint sind beispielsweise TutorInnen, die zugunsten vager Promotionsaussichten oder eines aufgehübschten Lebenslaufs willfährig Listen über KommilitonInnen führen, um diese bei dreimaliger Nichtanwesenheit mit Klausurausschluss[4] zu bedrohen. Um diese obszöne Überwacherei vor sich und anderen zu rechtfertigen, berufen sie sich auf ihre vermeintliche Machtlosigkeit gegenüber den Anweisungen ihrer ProfessorInnen und den Workload-Formulierungen in den Prüfungsordnungen. Sie selbst sind es aber, die solch institutionalisiertem Schwachsinn erst Legitimation verleihen, indem sie derartigen Anweisungen aus purem Eigennutz – vor allem aber auf Kosten anderer – Folge leisten. Diese Bereitschaft, jede Idiotie zum eigenen Vorteil fröhlich zu re-produzieren, während man die daraus für andere entstehenden Nachteile  an „das System“  delegiert, um die eigene Verantwortung zu vernebeln, ist es, die jedem Einzelnen, der sich daran beteiligt, vorgeworfen werden muss.

Das TutorInnen-Beispiel ist nur eines unter den vielen möglichen im weiten Spektrum zwischen  der – mutmaßlich – steigenden Anzahl studiengebühren- und elitenbildung-befürwortender KommilitonInnen und denjenigen, die im student![5] affirmatives Gewäsch radebrechen, um ihre charakterliche Eignung für Springers Lokalredaktionen unter Beweis zu stellen. Überall dort muss eine konstruktive Kritik ansetzen, die der Hypostasierung gesellschaftlicher Zusammenhänge als diffus umherwaberndem „Zeitgeist“ entgegenwirkt und sich vor der unbequemen Kategorie Verantwortung nicht scheut.  

Eine zweite, ebenso schwerwiegende Gedankenlosigkeit Jessens, liegt im Grundtenor seiner Polemik, die nahelegt, dass das Aufbegehren gegen Missstände und ein gewisser Idealismus genuine Aufgaben „der Jugend“ seien, getreu dem abgekauten Motto: Wer als Jugendlicher  kein Revolutionär  sei, hätte kein Herz, wer aber im Alter noch Revolutionär sei, hätte keinen Verstand. Eine solche Auffassung degradiert das Eintreten für Werte und Mitmenschen zu einer Frage jugendlichen Lifestyles und legitimiert zudem jede Schweinerei der Älteren, derjenigen Privilegierten also, die in entsprechenden gesellschaftlichen Positionen die hauptsächliche Verantwortung für viele Missstände tragen. In unserem Falle sind das in erster Linie diejenigen DozentInnen, die tatkräftig und eigennützig daran mitarbeiten, die Universitäten als Orte des unabhängigen Denkens ein für allemal zu vernichten und endgültig für ökonomische und gesellschaftliche Eliten – die eigenen Kinder zum Beispiel – zu reservieren.


 

[1]     Horkheimer, Max: Zur Kritik der Instrumentellen Vernunft. In: Horkheimer, Max Gesammelte Schriften.  Hrsg. v.  A. Schmidt und G. Schmid Noerr. Bd. 6. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch 1991, S. 185.

[2]    Nachzulesen unter: http://www.zeit.de/2008/36/Jugend-ohne-Charakter

[3]    Berger, Peter L. / Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch 1980 (20. Aufl. 2004),  S. 137 f.

[4]   Dass eine Anwesenheitsliste auf Unterschriftenbasis wohl kein juristisch wasserdichtes                     Ausschlusskriterium ist, ist für die obige Argumentation zwar unerheblich, sollte sich aber schleunigst         herumsprechen!

[5]   Leseproben unter: www.student-leipzig.de, besondere Beachtung verdienen die Glossen und             Kommentare

 

Der Artikel ist erstmals erschienen in:

anton – Magazin für Kulturwissenschaften. #14, Oktober 2008