Juden sind bei Linken und anderen in Malmö nicht willkommen
von Theodor Gärtner
Es wird einem mulmig, wenn man diese Bilder sieht. Junge Menschen demonstrieren zu Tausenden gegen Israel, fordern zum Boykott auf – man solle keine Waren aus dem jüdischen Staat mehr kaufen, skandieren sie. Unter dem Motto „Stoppa Matchen“ - „Stoppt das Match“ protestieren sie in Malmö gegen das Davis-Cup-Tennismatch Schweden gegen Israel. 7000 sind gekommen, um den israelischen Spielern zu zeigen, dass sie nicht willkommen sind. Auf Beschluss des Stadtrates wurde das Spiel vor nur wenigen geladenen Zuschauern ausgetragen – anscheinend konnte der Bürgermeister nicht durchsetzten was er und der Mob eigentlich wollten: das Tennismatch zu verhindern, weil Israelis daran beteiligt sind. Während des Spiels toben draußen Randale, einige der Demonstranten versuchen gewaltsam auf das Gelände des Stadions zu gelangen. Hunderte, vermummt mit Palästinenser-Tüchern, greifen die Polizei an – ein ziemlich großer Kraftaufwand wegen eines Tennisspiels.
Der Grund? Die Proteste der jungen Schweden richten sich gegen den Krieg im Gazastreifen, und nicht nur das – auch ganz allgemein gegen den Staat Israel. Ein Boykott gegen Israel sei die einzige Möglichkeit, so die Organisatoren, seinen Unmut gegen die Angriffe der israelischen Armee zu äußern. Es sei deswegen auch richtig, sportliche Ereignisse mit israelischer Beteiligung abzusagen. Dass diese Meinung vor allem unter jungen Linken mehrheitsfähig ist, zeigt die Reaktion der Demonstranten vor dem Stadion – Autonome, Hippies, Punks, Studenten und Schüler vereinen sich, wenn es darum geht, gegen jenen Staat seine Meinung zu verkünden, der zum Schutz der Juden gegründet wurde.
Die Scheinheiligkeit der Linken ist dabei unerträglich. Denn das Argument, man kämpfe gegen die „Besatzungsmacht“ in den palästinensischen Gebieten und sei gegen den Krieg und Gewalt, wird dann hinfällig, wenn man sieht, dass keine 7000 Menschen gegen Menschenrechtsverletzungen im Iran oder Darfur demonstrierten, als dort Menschen gefoltert, vertrieben und getötet wurden. Anscheinend beschränkt sich die Bereitschaft der so genannten Friedensaktivisten, ihre Kräfte gegen geschehenes Unrecht einzusetzen, ausschließlich auf Israel – denn auch die regressive Propaganda der Hamas scheint sie kaum zu stören. Man wähnt sich zurückversetzt in Zeiten, als auf linken Demonstrationen noch Israel-Fahnen verbrannt und die härtesten antizionistischen und antisemitischen Parolen gerufen wurden. Anders als in der deutschen Linken, bei der beginnend mit der Wiedervereinigung und später im Zuge des 11. September ein dialektischer Reflexionsprozess über das Verhältnis zu Israel einsetzte, gab es in Schweden keine solche Bewegung und somit auch kaum Entrüstung darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit „Boykottiert Israel!“ gerufen wird.
Dass diese Parole frappierend an die Aufforderung der Nazis „Kauf nicht beim Juden!“ erinnert, löst nicht nur einen bitteren Beigeschmack aus, sondern lässt daran zweifeln, ob die sich als „links“ bezeichnenden Demonstranten in ihrer Vehemenz gegen israelische Tennisspieler von jedem antisemitischen Denkmuster freigesprochen werden können. Des Weiteren ist jegliche Solidarität mit Organisationen wie der Hamas weit davon entfernt, einem linken Anspruch der Emanzipation und Freiheit dienlich zu sein – das Gegenteil ist der Fall. Wenn man antisemitische, patriarchalische, frauenfeindliche und homophobe sowie radikal islamistische und demokratiefeindliche Gruppierungen wie die Hamas unterstützt – und keine andere Vermutung lassen die Hamas-Fahnen und Parolen zu – ja sie gar als „Freiheitskämpfer“ deklariert und die Intifada zum legitimen „Widerstand“ umdeutet – dann hat das nicht entfernt mit den „linken“ Positionen von der „Befreiung des Menschen“ zu tun. Die romantisierende Verklärung klerikaler Strukturen und antiwestliche Propaganda ist viel näher an faschistischen Erklärungsmustern, als manche Palituchträger es wahr haben wollen. Dabei spielt die linke Sehnsucht nach „Ursprünglichkeit“, die gegen die als „künstlich“ bezeichnete verhasste Moderne vorgebracht wird, eine ebenso große Rolle wie die Geschichte der Linken, die immer auf einem schmalen Grat zwischen Sozialismus und dessen nationalem Pendant wanderte, und ihr Verhältnis zu totalitären Regimes erst spät ernsthaft hinterfragte.
Aus diesem Grund lassen die Ereignisse in Schweden nur einen Schluss zu: genauso wie für nicht wenige Menschen auf Demos gegen den Gaza-Krieg scheint hier ein Ereignis Anlass zu geben, einem tief sitzenden antiisraelischen und antisemitischen Ressentiment freien Lauf zu lassen. Israel gilt als Projektionsfläche der Übel in der Welt – wie die Regierung handelt ist dabei eigentlich egal. Das konnte man eindrücklich beim damaligen Abzug der Armee aus Gaza beobachten, als diese Geste sowohl von den radikalen Islamisten, als auch von deren europäischen Sympathisanten ignoriert oder gar als Feigheit interpretiert wurde. Daher spielt hier auch die Frage über Rechtmäßigkeit oder Verhältnismäßigkeit des Gazakriegs keine Rolle. Denn solange Israel als solches attackiert und in Frage gestellt wird, sei es verbal oder mit Raketen, und solange es Aufrufe zum Boykott gibt und nicht unterschieden wird zwischen der israelischen Gesellschaft, der Regierung und dem Militär sowie den Juden – solange ist der Angriff der Israelis die eine Sache, die antisemitischen Reflexe jedoch eine andere. Die oft darauf folgende Reaktion, dass Kritik an Israel „ja wohl noch erlaubt“ sei, erscheint bizzar angesichts eines Boykotts im Tennissport – und erinnert an das Sprichwort des getroffenen Hundes, der bellt. Kritik an Israel ist natürlich legitim, sollte aber nicht in den ahistorischen Duktus „jeder Staat ist gleich und imperialistisch“ der verstaubten Altlinken verfallen – denn Israel ist nunmal das Resultat der Shoa, dem Völkermord an den Juden, und hat deshalb ein Recht darauf, sich vor neuerlichen Entwicklungen dieser Art zu schützen. Vor allem aber die unsägliche Gleichsetzung der Angriffe der israelischen Armee mit den tausendfachen Pogromen der Deutschen in der NS-Zeit – oder gar der höhnische Vorwurf, die Juden müssten doch aus dem Holocaust gelernt haben, dass man Menschen nicht in „Ghettos“ einschließt, sind keine Basis für gerechtfertigte Kritik, sondern lediglich antisemitisch.
Man schaut auf Malmö und denkt bange daran, was passiert wäre, wenn das Spiel vor Zuschauern stattgefunden hätte. Hätten die Friedensaktivisten das Spielfeld gestürmt, um Juden zu lynchen? Das was man sich im Kleinen als Bedrohung vorstellen kann, hat leider eine Entsprechung in der weltpolitischen Realität. Angenommen dem Staat Israel stünde keine Armee zur Verfügung – man könnte nicht ausschließen, dass es in seinen Nachbarländern Gruppen gäbe, die zum Angriff trommeln würden. Denn die Drohung der Vernichtung ist allzeit präsent, nicht weil Israel Kriege führt oder Menschenrechte verletzt – sondern weil es der „Jude unter den Staaten“ ist.





..erinnert mich an Münteferings kürzlich geäußerte Beschreibung der Linken als “ soziale Nationalen“. Die entsprechende Assoziation liegt umso näher, zieht man diesen Artikel hinzu. sd
ich bin kein eingefleischter Kommentator, kann mich selbst aber in diesem Fall nicht stoppen, auch wenn mein Schriebs ganz offensichtlich arg im zeitlichen Verzug steht.
folgende Punkte moechte ich anmerken:
(1) die omnipraesente Angst vor der Verfolgung, Vernichtung und Ausrottund bildet einen integralen, ja essentiellen Bestandteil der juedischen Identitaet. damit beziehe ich mich auf die israelische Regierung, die dieses wacklige Konstrukt Israel in ihren Zuegeln haelt, als auch einen Grossteil der israelischen Bevoelkerung (ausreichend indoktriniert versteht sich), ebenso wie viele aussenstehende Beoachter in allen Ecken der Welt. die vollkommen aus der Luft gegriffenen Fantasien vom Lynchmord der Spieler auf dem Spieleld oder der Nichtexistenz einer israelischen Armee sind Beispiel dieser romantisierten und verwilderten Vorstellung der permanenten Vernichtung gegen Juden.
(2) erst letztes Jahr im Sommer wurde Malmö der Schauplatz einer internationalen Konferenz von Friedensaktivisten, was sich von Anti-Atomenergie-Diskursen bis hin zu Israel-/Palaestina-Debatten erstreckte. alle Teilnehmer versammelten sich dort, um zu informieren, sich auszutauschen, neue Perspektiven zu gewinnen. die Hamasflaggenschwinger hingegen sind peinlich und als keine Repraesentanz einer ernsthaften und fundierten Israel-Kritik zu betrachten.
(3) „Boykott“ Israels zaehlt als ein Versuch von Menschen, die um Frieden oder auch nur um die leichtesten Verbesserungen der Lage in konfliktgebeutelten Palaestina bemueht sind. in unseren Supermaerkten liegen aber keine sudanesischen Produkte, die wir boykottieren koennen, um der Regierung eins auszuwischen und zum Handeln zu zwingen.
(schlussfolgernd) man muss lernen die Materie so komplex zu behandeln, wie sie ist, anstatt immer sofoert die grossen Begriffe Antisemitismus etc. aus dem Handgelenk zu feuern. wenn man mit diesem Urschleim anfangen moechte, eines besseren Gesamtbilds wegen, sollte man sich an dieser Stelle der Vollstaendigkeit verschreiben. „Juden“ und „Israelis“ sind nicht das gleiche! viele von den Aktivisten aus Malmö und viele mehr wagen den Schritt nach Israel/Palaestina, wobei ich ausgehe, dass dies bei dem Autor dieses Artikels nicht der Fall ist.
naechtes Mal vielleicht genauer hinsehen ?!
EIxam