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Steinzeitliche Griechen und deutsche Spießer

Ein chaotisch-anarchistisches Brainstorming

Dantes Inferno sei irdisch geworden, sagt man in der Presse. Wechselt man die Seiten, so seien die brennenden Läden und Barrikaden „tausende Lichter“ für den jungen Alexandros Grigoropoulos, die er von dort oben, wo er nun weile, sehen könne. Ein Zeichen der Solidarität und Wut. Reichlich religiöse Metaphorik für linke Anarchisten, aber der Versuch, diesen christlichen Eindruck mit Steinen und Mollies zu verwischen, scheint erfolgreich zu sein. Demokratiebefürworter sehen anders aus – wir sehen einer Jugend zu, die verkürzt argumentiert, eine dürftige Kapitalismuskritik abliefert und „die da oben“ für alles verantwortlich macht. Eine Jugend, die aber auch tatsächlich handlungsfähig ist und reale Gewalt ausüben kann, mit allem drum und dran. Und – dies sollte man bedenken – im Gegensatz zu unserer deutschen Spießer-Jugend. Okay, hier passieren seltener Morde, die Polizisten sind vielleicht netter und nicht so korrupt und im Winter ist es hier kalt. Aber sind dies wirklich Erklärungen dafür, dass die Studenten bei uns allerhöchstens Autobahnbesetzungen drauf haben? Natürlich wollen wir keine griechischen „Verhältnisse“, wir sind ja schließlich gut erzogen und Gewalt wird nur ausgeübt, wenn der Staat es will beziehungsweise gegen Minderheiten. In Griechenland darf die Polizei das Universitätsgelände nicht betreten, man stelle sich das einmal vor! Die Partisanenzeit hat neben solchen rechtlich-historischen Implikationen aber eben auch weitere Auswirkungen gehabt. Stadtguerilla ist in Athen und Thessaloniki realisiert, Helme sind erlaubt, die Reizschwelle zur Attacke auf den Staat gering. In Deutschland gab es so was schon mal, aber da war das gerade „In“ und nichts Besonderes. Später gabs nur den langweiligen Antisemitenverein RAF sowie die Dummdeutschen, die von „ganz normalen Deutschen“ beklatscht wurden, als sie Ausländerheime abfackelten und Migranten durch die verträumten Städte hetzten. Ist es die traditionelle deutsche Autoritätshörigkeit, vielleicht gepaart mit einer neo-konservativen Jugend, für welche Kapitalismuskritik etwas Fossiles ist, dass man sich, nachdem man bei seiner BWL-Ausbildung Feierabend hat, in schlechten deutschen Filmen im Kino anschaut? Dies soll kein Plädoyer für die griechischen Riots sein, denn wahrscheinlich kämpfen die meisten der verdienten Black Block-Veteranen lediglich für eine romantisch verklärte Welt, ganz ohne McDonalds und CocaCola (zumindest im eigenen Kiez) und vertreten regressive Werte, agitieren gegen Konsumismus und für einen Kommunismus, der sich noch auf Ideale aus der Steinzeit beruft. Es kommt hier auch viel weniger darauf an, welche (Pseudo-) Inhalte die Anarchisten vertreten, mal davon abgesehen, dass Polizeigewalt natürlich ebenso zu verurteilen ist wie die primitive Gewalt der Demonstranten gegen Polizisten. Interessanter ist vielmehr, dass es einer gewissen Anzahl von Menschen mit Spaß an Gewalt gelingt, nur mit Brandsätzen und Steinen bewaffnet, das Gewaltmonopol des Staates faktisch temporär und lokal außer Kraft zu setzen. Dass dieser nun natürlich sich dessen bedient, eine Bedrohung diagnostiziert, die ein härteres Eingreifen nötig macht, ist klar. Letztendlich braucht ein Staat solche Ereignisse ja, um sich zu legitimieren, vor allem natürlich als Eigentumsschützer. Was die strukturellen Ursachen der Gewalt angeht, so ist es zu verkürzt zu sagen: armer Punk, keine Arbeit, kein Geld, keine Familie – muss ja Steine werfen, logisch. Der Erschossene 15-jährige war der Sohn eines recht wohlhabenden Schmuckhändlers aus der oberen Mittelschicht, die Autonomenszene ist also äußerst heterogen. Auch jemand der nicht leidet, macht mit. Das gibt es in Deutschland auch, hierfür hat man das schöne Wort „Krawalltouristen“ erfunden, ein Phänomen, das man vor allem am 1. Mai beobachten kann. Gelangweilte Mittelstandskids prügeln sich mit Polizisten, machen Sachen kaputt und zünden Barrikaden an. Autotelische Gewalt, die sich selbst genug ist, als Intention gilt vielleicht noch das auf die Ausschreitungen folgende Angeben vor der Peergroup mit den Handyfotos vom brennenden Opel Astra oder den eingeworfenen Scheiben der Bäckerei Müller nebenan. Ein schönes Beispiel dafür waren auch die Schülerproteste vor einigen Wochen, vor allem in Berlin, wo Schüler die Humboldt-Universität stürmten und dort alles kurz und klein schlugen, was sich ihnen in den Weg stellte – so auch eine öffentliche Ausstellung zum Thema Antisemitismus und Israel. Keiner mag den lieben Kleinen jetzt unterstellen, sie seien furchtbare Antisemiten – aber es scheint exemplarisch zu sein für angeblich „linke“ Gewaltorgien, denen jegliche emanzipatorische Reflexion fehlt, die einem aufgeklärten, kritischen Geist zu eigen sein sollten. Deshalb kann die Konsequenz – trotz aller staunenden Verwunderung über die Machtausübung der Riot-Kids in Athen – nur lauten, dass Gewalt abzulehnen ist, vor allem solche, die sozusagen ad hoc ausbricht und Affekthandlungen nur so provoziert. Eine kritische Bewegung, die erst Steine wirft, bevor sie sich bildet hat schon verloren. Auch wenn es spießig deutsch klingen mag, aber die Adorno-Diskussion bei Tee und Gebäck ist quasi Vorraussetzung für kritische Partizipation an demokratischen Prozessen – ein barbarisches Wüten und Gewaltausüben hingegen reproduziert eine provinzielle Haltung, die keinerlei Potential für Veränderungen hat.

MH