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Wer ist die Schönste im Land? Beauty Contest in der Wall Street.

Eine Herde Gnus treibt und stürzt sich laut muhend in die mit Krokodilen gefüllten Ströme, auf der Flucht vor einem einzelnen Löwen. Wie könnte der Zusammenhang dieses Tierdoku-Ausschnittes mit der Finanzkrise gestrickt sein? Eine Darlegung.

Umwerben verschiedene Investmentbanken (Lehman Brothers als Berühmteste) ein Unternehmen, welches den Börsengang wagen möchte, so bezeichnet man dies im Finanzkreisen als „Beauty Contest“. Die Banken bieten sich an, die Konsortialführung, also die gesamte Organisation des Börsengangs, zu übernehmen. Das Unternehmen entscheidet, welches Bankinstitut ihm zur Seite stehen soll.

Innerhalb der Spieltheorie gibt es ein ökonomisches Experiment, dass ebenso den Namen „Beauty Contest“ trägt, und ebenso auf die Börse angewendet werden kann. Seinen Ursprung findet dieses soziologische Modell im Preisausschreiben eines Schönheitswettbewerbes: Eine Schönheitskönigin wurde von den „Tippern“ gewählt. Aus diesen Tippern wird nun ein Gewinner ausgelost, vorausgesetzt, er hatte auf die Preisträgerin getippt. Folglich erhöhen sich die Chancen auf einen Gewinn, wenn man so tippt, wie die Mehrzahl der Tipper sich entscheidet, da diese Mehrzahl die Preisträgerin hervorbringt. Es geht also auch um das Tippverhalten der anderen Gewinnspielteilnehmer. Der subjektive Entscheidungsprozess wird idealerweise durch ein objektives Abwägen ersetzt. Diese Prinzip lässt sich all zu einfach auf die Börse und seine Akteure übertragen: auch hier agieren und investieren die Tipper, also die Börsenmakler, so, dass sie Gewinne erbringen. Je mehr Aktien von einem Unternehmen gekauft werden, desto besser kann man damit handeln. Das Unternehmen, welches am höchsten im Kurs steht, also in welches die meißten Makler investieren,  ist also die Beauty Queen. Makler orientieren sich nach dem Beauty Contest Modell also nicht an dem eigentlichen Börsengang und der Qualität der Unternehmen, sondern an dem Verhalten der anderen Makler, und welche Anteile die Anderen denn von wem erwerben würden.[1]

Im Endeffekt stellt dieser Vorgang den Börsenerfolg eines Unternehmens in einen anderen Schatten, Erfolg und Mißerfolg steht in einem leicht veränderten Kontext. Der Börsianer wiederum rutscht aus dem Sonnelicht der individuellen Entscheidung in einen Schatten, der durch herdengleiches Verhalten gekennzeichnet ist. Inklusive Aufhebung der individuellen Verantwortung natürlich, was wiederum zu Fehlspekulationen führen kann, da an der Börse verzeichnete Unternehmen nach diesem Modell nicht mehr rational bewertet werden können. Es geht um eine ungeprüfte Mainstream-Meinung. Möglich auch, dass dies zu einer Finanzkrise führen kann. Ein weiteres Merkmal von Herdenverhalten ist schließlich die massenhafte Flucht bei Panik. Gnuherden von Maklern treiben und stürzen sich laut muhend in den mit Krokodilen gefüllten Ströme der Krise, auf der Flucht vor einem einzelnen Löwen.

Steph Belbourne

[1] Das ist etwas verwirrend, da im übertragenden Sinne die gesamte Anzahl der Makler nur auf andere Makler schaut, und es somit keine eigentliche Entscheidungsfindung mehr gibt. Jeder beobachtet nur, was die anderen machen. Das Meinungsführer-Konzept bietet an, dass einer kleinen Anzahl von „Meinungsführern“ Entscheidungsgewalt auferlegt wird.