Das Online-Feuilleton für Politik, Kultur, Kunst und Alltag

Die Poetik des Unsichtbaren

von Silke Ballath

In der einsamen Stille des Horizonts erwacht ein Licht aus den Tiefen der Seele. plus d lumiereYoann Pistermans Werke erheben ihre Stimme in dem Moment, da der Tag zur Nacht wird und die Sonne sich in der Weite verliert. Wenn das Licht anfängt, das Irreale der Wirklichkeit sichtbar zu machen, und die Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zukunft wandelt, wird das Sichtbare unsichtbar und das Abwesende tritt in Erscheinung.

Pisterman entwirft eine Parallelwelt, ein neues Universum, und öffnet dem Betrachter einen Zwischenraum, in dem er sich leichtfüßig bewegen kann. Seine Arbeiten sprechen von der Verbindung einer inneren und einer äußeren Welt, Abwesenheit und Anwesenheit werden zu einem untrennbaren Gegenpaar, das sich in der Imagination des Rezipienten darstellt.

Pisterman verbirkt hinter seinen Werken eine neue Dimension, die sich erst dem erschließt, der sich innerhalb seiner Installationen bewegt und sich auf die oftmals auf den ersten Blick banal wirkende Schönheit der Gegenstände einzulassen vermag. Eine Schönheit, die mit dem Betrachter spielt, ein Begehren weckt,den Blick auf die Probe stellt und ihn bewusst zurückweist.

Seine Werke suchen die Auseinandersetzung, wollen, dass hinter ihre Oberfläche geschaut wird, um den Preis der Preisgabe des Schauenden.

Hinter jeder Arbeit wartet eine weitere Facette dessen, was Pisterman als neue Dimension, erweitertes Universum, beschreibt: zwischen Wirklichkeit und Phantasie, zwischen Realem und Irrealem, zwischen Darstellung und Vorstellung, Innen und Außen. In der Passage, der Leerstelle, dem unabschließbaren Moment, liegt der Zwischenraum, den er dem Betrachter zuweist. profil fin des temps

Obwohl jede Arbeit eine eigene Wirklichkeit entwickelt und aufbaut, verbindet Pisterman sie miteinander, gibt ihnen einen Rahmen, der sie zueinander ins Verhältnis setzt, sie miteinander verbindet. Ihre innere Kommunikation beruht auf der Relation zwischen Werk und Titel. Diese Kombination hat eine wesentliche Bedeutung für seine Arbeiten, nicht allein, dass seine Inspiration oft aus der Literatur hervorgeht, und Pisterman so einen Bezug herstellt zwischen Bild und Schrift, dem dargestellten Wort und dem dargestellten Bild, sie stellen auch die Verbindung zwischen den unverbindbaren Zeichen her, die sich in ihrer gegenseitigen Bezugnahme ineinander aufzulösen scheinen, ad absurdum geführt werden, sich in der Betrachtung mehr und mehr ausleeren.

calligraphie installationsWer auf das Werk sieht, sieht sich zurückgeworfen auf sich selber, auf eine Leere, die zu füllen nur der dem eigenen Sehen anheimgestellte Betrachter im Stande ist. Vieles innerhalb dieser Betrachtung ist weitaus wirklicher, als es anmutet. Vieles spielt nur mit dem Element des Scheins und dennoch wird die Grenze zwischen

Wirklichkeit und Imagination immer mehr in Frage gestellt.

Der Raum, in dem wir uns befinden, scheint sich aufzulösen und zugleich nur darin wieder Form annehmen zu können, ohne direkten Bezug zudem, was sichtbar ist. Pisterman stellt die Frage, inwieweit unsere eigene Wirklichkeit einer Realität entspricht?

In der Betrachtung seiner Arbeiten tritt die Erkenntnis ein, dass er nicht nach einer Antwort sucht, nicht davon ausgeht, Antworten zu finden. Er dreht die Notation des Wirklichen um und verkehrt sie in ihr Gegenteil, während er zugleich darauf hindeutet, dass es niemals eine einzige und richtige Wirklichkeit geben wird, sondern diese sich permanent als Vereinbarung zwischen menschlichen Individuen konstituiert. detail 1

Es drängt ihn auch nicht danach, den Schein, dem er sich widmet, den er hinterfragt, den er darstellt, zu durchbrechen. Im Gegenteil, der Schein ist ihm eine für den Aufbau von Wirklichkeit notwendig zu erhaltende Größe, da er es allein ist, der nebeneinander einhergehende Wirklichkeiten erst möglich macht.

Ihn interessiert die Konzentration, das Versinken, der Raum, der sich öffnet, wenn das Auge anfängt, einen Gegenstand zu fokussieren und alles andere drum herum verschwimmt, unklar wird. Ihn treibt die Besessenheit, Ordnung in ein Chaos bringen zu wollen und diese Obsession als Sinn zu konstruieren, der sich früher oder später auflösen muss in einer unvermeintlichen Spiegelung mit sich selbst.detail2detail3

Jede seiner Arbeiten umgibt ein Moment der Stille, der Besonnenheit, einerseits und trägt andererseits eine Schwere,eine verborgene Geschichte in sich. Seine Malereien und Zeichnungen arbeiten dabei oftmals mit einem Moment des Narrativen. Yoann Pisterman entwirft scheinbar figurative Bildwelten, die sich in einem zweiten Moment einem unsichtbaren Bildgeschehen öffnen, das nicht nur für sich spricht. Ein im Rhythmus des Fragments beredtes Echo der inneren Stimme des Bildgeschehens kann den Betrachter genau an der Stelle berühren, wo sich Atmung und Puls in der Hingabe des Blicks treffen. Dann hat sich im Blick die Erzählung übertragen, als verborgene Erinnerung des Bildes, als geborgene Erinnerung des Schauenden.de l hier vers l aujourdhui

Du demain vers l’hier, Non, moi, non. und Plus de lumière! arbeiten jedes auf seine Art einen doppelten Sinn heraus, verstecken und kodifizieren ihre eigene Bedeutung und Lesbarkeit, indem sie von sich ablenken und dabei wesentlich den Blick auf das Innere der Bilder des Betrachters begleiten. Sie setzen sich selbst aufs Spiel, um das freie Spiel der Bilder zu ermöglichen.  Die Titel thematisieren das Verschwimmen zwischen Imagination und Realität.non moi non Beziehen sich auf die Relativität von Zeit und Raum. Die Installationen Caligraphie pendant la poussée (Tuschezeichnungen mit sieben Orangenbäumen), La fin des temps (Skulptur), Handgemachte Perlen (Avec mes mains d’enface d’aujourd’hui) (Skulptur) und Sans titre stellen einen Bezug zum Raum her und nehmen ihn in ihre Anordnung auf, gleichzeitig weisen sie jeglichen Wirklichkeitsbezug zurück.Pisterman verwebt die Zeitebenen, die Dimensionen, das Verhältnis zwischen

Zeitordnungsmodi wie Gestern, Heute, Morgen, zu einem Konstrukt vielfacher Perspektiven, Räumen und Möglichkeiten.handegemachtperlen

Seine Arbeiten wurzeln in einem Jetzt, das je nach Blickwinkel Gestern gewesen sein mag oder Morgen ins Sein treten könnte, Imagination oder Wirklichkeit. Sie öffnen die Welt auf ihre Mehrdimensionalität und Heterogenität hin und weisen jegliche Eindimensionalität ab.

papier fantome

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: